Yvonnes Reisen

What a wonderful world!

Mumbai – Ist es zu stark, bist du zu schwach…

… so schreibt es Meike Winnemuth in „Das große Los“. 2011 ist sie mit einer halben Million Euro Gewinn bei „Wer wird Millionär“ für zwölf Monate auf Weltreise gegangen, jeden Monat in eine andere Stadt. Die Texte ihres Buches kann ich mittlerweile fast mitsprechen, so sehr hat es mich fasziniert. Ich mag ihren spritzigen Stil, ihren Humor und die Fähigkeit, die Dinge auf den Punkt zu bringen.

Mumbai hat die Journalistin zur Verzweiflung gebracht. Ich habe mit ihr gelitten, als sie ihre Wahrnehmung der Stadt schildert – Bettler, die an ihr hängen, sobald sie das Hotel verläßt, Kranke und Alte auf den Gehwegen liegend, der Müll, der Gestank, kurz „Mumbai, der Moloch, der Höllenpfuhl – die schlimmste Stadt von allen.“ So strich ich Indien von meiner Liste und wenn schon Indien, dann niemals, wirklich niemals Mumbai…

…Wir kommen am frühen Abend in der Stadt an. Nach der frischen kühlen Luft in Rajasthan umfängt uns eine warme Schwüle. Die Straßen sind relativ leer, der Verkehr deutlich entspannter als in Jaipur. Über die achtspurige Seilbrücke, den Raijv Gandhi Sea Link, fahren wir über die Bucht in den Süden der Stadt. Mit 5,6 km Länge ist der Sea Link seit 2010 die längste Brücke Indiens.

Unser Hotel liegt am Marina Drive, der Seepromenade – wohl eine der schönsten Gegenden der Stadt. Jeden Abend kommen hier gefühlt alle Einwohner Mumbais her, um sich auf die kilometerlange Mauer zu setzen, Selfies mit Freunden zu schießen, den Sonnenuntergang und die Skyline Mumbais anzusehen.

Ich komme ins Grübeln darüber, wieso ich so sehr an meinem Vorurteil festgehalten habe, dass ich mir durch die Schilderung von Meike Winnemuth gebildet hatte. War es die Angst, der Respekt, die Hilflosigkeit einem Land gegenüber, in dem zwei Drittel der Menschen in Armut leben, in dem Lärm, Dreck und Stromausfälle zur Tagesordnung gehören, in dem der Kampf gegen die Plastikflut verloren scheint?

Seit einer Woche nun bin ich in Indien und hatte bisher das große Glück, dass mir die lokalen Guides die schönen Seiten ihres Landes gezeigt haben. Ganz ehrlich, ich mache das zu Hause doch auch nicht anders: bekomme ich Besuch, zeige ich ihnen die schönsten Gebäude meiner Stadt, die Parks, die Seen – denn sie sollen sich wohlfühlen. So hat mir das Land den Einstieg leicht gemacht, „denn auch das ist Indien“ – um mal wieder Scott zu zitieren.

Natürlich habe ich die Augen offengehalten, den Schmutz, die Bettler, das Chaos und den Lärm wahrgenommen. Und ich habe ein Buch nach dem anderen gelesen, um Indien zu verstehen. Nach jedem Buch, nach jedem Artikel, nach jedem Gespräch habe ich gedacht: „Ach – so ist das – ich verstehe“, um dann mit dem nächsten Buch, dem nächsten Artikel, dem nächsten Gespräch wieder eine ganz andere Perspektive aufgezeigt zu bekommen. Es ist, als ob ich verzweifelt versuche, nach den Enden eines Tischtuches zu greifen, das mir immer wieder aus den Händen rutscht. Was ist das auch für eine verrückte Idee? Wie kann ich mir anmaßen, ein Land verstehen zu wollen, das ein Mikrokosmos all dessen ist, was die Erde hervorbringen kann? Stattdessen werde ich nun einfach mitfließen, mich nicht gegen die Umstände aufbäumen, nicht mehr versuchen, das Beobachtete zu verstehen. Ich kann auch konkret helfen, in dem ich das NGO unterstütze, das ich in Jaipur kennengelernt habe und von dem ich weiß, wohin meine Spende fließen wird.

Nun also Mumbai und ich fühle mich stark genug für diese Stadt.

Im Großraum Mubai leben heute zwanzig Millionen Menschen und täglich werden es mehr. Mit knapp 28.000 Einwohnern pro Quadratkilometer ist es eine der am dichtesten besiedelten Regionen der Welt. Berlin zum Beispiel hat eine Bevölkerungsdichte von 3.800 Einwohnern pro Quadratkilometer. Ganz extrem: Der Slum von Dharavi kommt auf unglaubliche 334.728 Einwohner pro Quadratkilometer. Wenn ich richtig gerechnet habe, sind das 3 Quadratmeter pro Person.

Auf der eine Seite ist Mumbai mit einem Anteil von 25 Prozent an der Industrieproduktion und 70 Prozent am Seehandel eine der reichsten Städte Indiens und gilt als das nationale Handels-, Finanz- und Unterhaltungszentrum. Auf der anderen Seite leben 62 Prozent der Einwohner in Slums. Die Stadt balanciert zwischen den Extremen. Hier steht das teuerste Privathaus der Welt, das für eine Milliarde Dollar für die Familie Ambani gebaut wurde, direkt neben einem innerstädtischen Slum.

Noch vor dem Frühstück spaziere ich auf dem Marina Drive und beobachte das muntere Treiben. Alte Männer sitzen vertieft ihre Zeitung lesend auf der Mauer. Eine Gruppe junger Studentinnen wollen unbedingt ein Foto mit mir und so strahle ich mit diesen so schönen Frauen in ihren bunten Seidensaris in die Kamera. Männer joggen an mir vorbei. Ein junges Paar wartet unter einem Baum auf ihre nächste zu drehende Szene für einen Bollywood-Film. Ein Yoga-Lehrer gibt seine Anweisungen, für die Schüler, die mit und ohne Matte ihre Übungen mit Blick auf das Meer absolvieren.

Unsere Besichtigung nach dem Frühstück beginnt klassisch am Gateway of India. Der Triumphbogen wurde einstmals erbaut, um an den allerersten britischen Besuch von König George V. und seiner Gemahlin, Königin Mary, im Jahr 1911 zu erinnern.

 

Wir tauchen ein in das koloniale Mumbai. Hier haben die Briten ihrem Architekturansatz freien Lauf gelassen. Wir passieren breite Straßen, majestätische Parks und Gebäude.

 

Neugierig bleiben wir stehen und schauen dem Paan wallah zu. Das sind die Männer, die an ihrem Stand am Straßenstand Betelbissen wickeln. In einem Eimer liegen die Blätter im Wasser, um sich geschart hat der Paan wallah dutzende Dosen von Betelnüssen und Gewürzen stehen. Vor unseren Augen füllt er eines der Blätter. Immer mehr farbige Zutaten packt er in die Mitte, um dann die Ecken kunstvoll zusammenzuschlagen. Der erste Biss muss eine Geschmacksexplosion sein. Doch wir sind alle nicht mutig (oder verrückt :-)) genug, um es zu wagen und so freut sich einer der uns herumstehenden indischen Männer über das unerwartete Geschenk.

An einer der nächsten Ecke halten wir an einem baufälligen alten Gebäude an und tauchen kurz in die Kolonialzeit ein, wo dies eines der prunkvollsten Hotels gewesen ist.

Wir stellen uns vor, wie der Inder Jamshedji Tata, der Vater der indischen Industrialisierung, an der Tür des Nobelhotels auf Grund seiner Herkunft abgewiesen wird. Als Antwort darauf ließ Tata das Taj Mahal Palace Hotel erbauen, zu dem alle Inder (aber auch Briten :-)) Zutritt erhielten. Heute gehört es zu den Leading Hotels of the World.

Und auch sonst ist die Tata-Gruppe aus Indien nicht wegzudenken, die als Mischkonzern vor allem im Bereich Energie, Maschinen und Fahrzeugbau tätig ist.

Im Crowford Market, 1869 eröffnet, kaufen die indischen Frauen des Mittelstands ein. Obst, Gemüse, Fische, Fleisch, Schuhe, Haushaltswaren, Tiere, Gewürze …es gibt quasi alles.

 

Es ist Lunchtime, doch die Zeit ist mir viel zu kostbar, als sie nach dem ausgiebigen und guten Frühstück mit Essen zu vergeuden.
So trolle ich mich von dannen und freue mich, dass Google Maps mir anzeigt, ganz in der Nähe der Malabar Hills zu sein, ein sehr teures Viertel von Mumbai, was sich schon durch die Lage auf dem Hügel erklärt. Mein Ziel: die „Silent tower“ gebaut von den Parsen.

Die Parsen sind Indiens kleinste ethnische und religiöse Gemeinschaft. Ihre Vorfahren kamen ursprünglich im 7. Jahrhundert als Flüchtlinge aus Persien, vertrieben durch religiöse Verfolgung nach der arabischen Eroberung des alten lran. Zur Zeit liegt die Anhängerzahl dieser Religion bei etwa 100.000. Die meisten davon wohnen in Bombay oder Gujarat. Für die Parsen sind alle Elemente heilig und aus diesem Grund kann keine „normale“ Bestattung stattfinden. Sowohl eine indische Feuerbestattung wie auch eine westliche Bestattung entfallen aufgrund des Einsatzes der Elemente Feuer oder Erde. Wo also hin mit den leiblichen Überresten der Parsen? So wurden die „Stillen Türme“ gebaut, auf denen die Leichen den Geiern überlassen wurden. Heutzutage werden die leiblichen Überreste der Parsen allerdings in Chemikalien aufgelöst.

Übrigens sind die Parsen eine wirtschaftlich sehr erfolgreiche Gemeinschaft. Der Grundstein zum Erfolg wurde in britischen Zeiten gelegt. Da die Hindus und Moslems wegen ihrer religiösen Traditionen keine Handelsverbindung mit Briten haben wollten, trieben die Parsen fleißig den Handel mit ihnen und wurden reich. Jamshedji Tata war zum Beispiel Parse.
Auch Freddi Mercurys Familie gehörte den Parsen an.

Der Zugang zu den „Silent towers“ wird streng bewacht. Für Nicht-Parsen kein Zutritt und so suche ich mir stattdessen in den direkt angrenzenden „Hängenden Gärten“ einen schattigen Platz zum Ausruhen. Hier oben weht eine angenehme Brise, was auch die Inder so empfinden, die durch den Park schlendern, sich mit mir fotografieren lassen oder auf den vielen Rasenflächen einfach zusammensitzen.

Es wird Zeit für mich, wieder nach Colaba zurückzukehren. Nach einer kleinen Diskussion mit einem Taxifahrer, auf dessen Beifahrersitz ich schlußendlich Platz nehme, mich aber nicht anschnallen darf, fahre ich zurück ins koloniale Mumbai.

Der Hauptbahnhof Mumbai „Victoria Terminus“, dessen heutiger Name Chhatrapati Shivaji Terminus lautet, den ich leider nicht aussprechen kann :-), ist ein sehr beeindruckendes Beispiel viktorianisch-gotischer Baukunst in Indien.

Der Bahnhof wurde zum goldenen Jubiläum von Queen Victoria im Jahr 1887 eröffnet und wird heute von über drei Millionen Fahrgästen pro Tag genutzt. Dementsprechend hektisch ist das Treiben im Inneren des Gebäudes, wo übrigens einige Szenen des Filmes Slumdog Millionaire gedreht wurden.

Mit ein bisschen Muße sind auch im inneren noch schöne architektonische Details zu erkennen:

 

Genau gegenüber steht das imposante Rathaus, das ich leider nicht betreten darf.

Und obwohl mir langsam die Füße wehtuen, genieße ich meine Entdeckungstour, staune über das Gebäude der Universität mit seinem Glockenturm, der ein wenig an Big Ben erinnert .

Direkt gegenüber liegt das Oval Maidan, wo man Schüler und Studenten beim Cricket spielen – dem Nationalsport der Inder – beobachten kann. Das ganze Szenario erinnert stark an koloniale Zeiten.

Mein letzter Weg heute führt mich zum Chhatrapati Shivaji Maharaj Vastu Sangrahalaya, oder besser verständlich: dem ehemaligen Prinz of Wales Museum, das zu den bedeutendsten Museen Indiens zählt und dessen Architektur mich fasziniert.

Es enthält 50.000 Objekte aus den Bereichen Kunst, Archäologie und Naturgeschichte. Doch ich komme über das Erdgeschoss nicht mehr hinaus. Bewundere hinduistische Gottheiten und buddhistische Statuen. Lerne ein wenig über Brahma, Vishnu, Shiva und den Elefantengott Ganesha, was ich euch jetzt erspare 🙂

Dann schnappe ich mir ein Taxi zurück in mein Hotel. Den Abend beginnen wir stilecht in der schicken Bar mit wunderbarer Lifemusik.

Beim Dinner fallen mir irgendwann die Augen zu. Zeit schlafen zu gehen…

Im nächsten Artikel erfahrt ihr mehr über
– Kotachi Wadi, das portugiesische Dorf inmitten von Mumbai
– Die Haji Ali Moschee, wo die riesigen Gegensätze der Stadt sehr deutlich werden
– Das Bahnfahren in Mumbai
– Wie die größte Handwäscherei der Welt, Dhobi Ghat, die Polizei bei der Aufklärung von Morden unterstützt
– Wo man leckeres Streetfood essen kann
– Und wie man in Indien Hochzeit feiert.

Seid gespannt

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Udaipur – der romantischste Ort Indiens

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Mumbai – eine Stadt zum Nachdenken

  1. Marion

    Ich finde Deinen Artikel gar nicht so lang, man taucht ein und könnte ewig weiterlesen… 🙂 ich reise mit Dir in diesem inspirierenden Land, danke auch für die tollen Photos! Liebe Grüße aus der Heimat

  2. Sylvia

    Ach, Yvonne, es ist immer wieder ein Genuss, deine Texte zu lesen und deine Fotos anzuschauen. Sie sind so authentisch, dass man bei der Lektüre und beim Anschauen das Gefühl hat, gemeinsam mit dir unterwegs zu sein. Das klingt alles so ehrlich und so echt. Und ich bewundere immer wieder, wie viel Literatur du auswertest, um dann deine ganz persönlichen Reise-Highlights rauszusuchen und zu entdecken.
    Hab noch viel Freude beim Entdecken den riesigen Landes mit den riesigen Kontrasten.

    • Monika Ludwig

      Du beschreibst „mein“ Mumbai!
      Ich war- durch meine indische Freundin – mittlerweile schon 5x dort und liebe es!
      Es gibt dort immer wieder was neues zu sehen und es ist für mich die perfekte Mischung aus indischer Tradition und Moderne.
      Ich bin gespannt, was du noch vom Rest Indiens schreibst bzw. Wohin du noch reist.

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