Yvonnes Reisen

What a wonderful world!

Jahreswechsel in Bihar zwischen Mantra und Prohibition

Es ist der 31.12.2019 – bereits das siebente Mal verbringe ich Silvester fern von zu Hause. Unser Tag beginnt früh am Morgen. Noch ist es bitterkalt und neblig, als wir in unseren ungeheizten Bus steigen. Tief in unsere Decken eingemummelt machen wir es uns so gut es eben geht bequem. Zwei Stunden werden wir unterwegs sein, um das 80 Kilometer entfernte kleine Städtchen Rajgir zu erreichen…

Um uns zwischendrin aufzuwärmen, trinken wir in einer Raststätte an der Straße nicht nur leckeren Masala Chai, sondern trainieren sehr zur Freude der uns beobachtenden Inder unsere Oberschenkelmuskulatur mit einigen Yogaübungen.

Und damit überhaupt nichts schief gehen kann, ist die für uns Europäer vorgesehen Toilette auch entsprechend gekennzeichnet.

Mit unserer Ankunft am Fuße des Rajgir Hügels öffnen sich die Wolken für die Sonne und einen stahlblauen Himmel. Den letzten Tag des Jahres widmen wir dem Frieden, denn auf dem Hügel erwartet uns die Rajgir Vishwa Shanti Stupa.

Sie ist eine von über 80 Friedenspagoden, die von Nichidatsu Fujji,  einem buddhistischen Mönch aus Japan weltweit errichtet wurden. Fujii wurde sehr stark von seinem Treffen mit Mahatma Gandhi im Jahr 1931 inspiriert und beschloss, sein Leben der Förderung der Gewaltlosigkeit zu widmen. Im Jahr 1947 begann er den Bau von Friedenspagoden als Heiligtümer für den Weltfrieden.

Um die Pagode zu erreichen, stehen wir in der Schlange zu einem Sessellift mit bunt angemalten Sitzen an. Meine Gedanken kreisen darum, ob ich wohl aus dem schmalen klapprigen Sessel fliegen werde oder mir beim Abstieg zu Fuß die Beine breche. Schnell erwerbe ich zumindest für letzteres noch einen stabilen Stock – sicher ist sicher 🙂

Tatsächlich überlebe ich – wenn auch mit wenig Genuß – die kurze Fahrt auf den Hügel

und werde mit einem sagenhaften Anblick belohnt.

Die 1969 erbaute Stupa leuchtet im Sonnenlicht und sorgt mit einer wundervollen Ausstrahlung auch für meinen inneren Frieden. Wir umrunden in der Gruppe die Pagode und öffnen unser Herz mit einem Friedensmantra: „Lokah Samastah Sukhino Bhavantu“, was soviel bedeutet wie: „Mögen alle Wesen Glück und Harmonie erfahren“. Mit dem Mantra im Herzen und auf den Lippen laufen wir die gut ausgebauten Stufen (soviel zum absolut unnötigen Stock) hinunter und erreichen auf halbem Wege den „Geier-Gipfel“, der seinem Namen seinem Aussehen verdankt.

Bunte Gebetsfahnen weisen uns den Weg zu dem Platz, an dem Buddha das Herzsutra gelehrt haben soll. Es ist eines der kürzesten und wichtigsten Lehrtexte des Buddhismus. Die knappste Übersetzung lautet: „Form ist Leere, Leere ist Form“ – gar nicht so einfach zu verstehen, wie ich finde. Und so borge ich mir die Erläuterung von einem buddhistischen Gelehrten der Neuzeit, der es so ausdrückt: „Wenn etwas nicht so ist, wie es unseres Erachtens sein sollte, müssen wir nicht in Panik geraten, sondern können es als Flug betrachten, bei dem die Dinge nicht feststehen und die Perspektive weit wird.“ – Für mich bedeutet das einmal mehr: Vertrauen in mich und das Leben zu haben.

Doch Rajgir ist nicht nur ein wichtiger Ort für die Buddhisten, sondern auch für die Gemeinschaft der Jain. Gilt er doch als Ent­stehungs­gebiet ihrer Religion und ist voller heiliger Orte. In der Jain Communitiy Veerayatan essen wir für eine kleine Spende sehr lecker und sehr scharf zu Mittag.

 

Anschließend fahren wir weiter zu den 15 Kilometer entfernten Ruinen des antiken Nālandā, einer bud­dhisti­schen Uni­versität, die vom 5. bis zum 13. Jahr­hundert blühte und eine inter­nationale Studenten­schaft auf ihren Campus lockte.

Lange Zeit unentdeckt, ist heute nur ein Bruchteil des riesigen Komplexes freigelegt.

Unser Guide lässt vor unseren Augen die Szenerie von vor Tausenden von Jahren lebendig werden. Wir sehen die Wohnkammern für die Mönche, die Küchen, in denen für tausende von Studenten die Mahlzeiten zubereitet wurden. Auf der freien Fläche des Innen­hofes gibt es Reste von Brunnen zu entdecken. Über das Kloster­leben in Nālandā ist recht viel be­kannt, denn ein berühmter chinesischer Rei­sende, Xuán Zàng, hat die Uni­versität im 7. Jahr­hundert besucht. Er überlieferte, daß hier mehr als 10.000 Stundenten neben der bud­dhisti­schen Schule auch in Gram­matik, Logik und Medizin unter­richtet wurden.

Die Sonne geht schon langsam unter, als wir Nalanda wieder verlassen.

Auf dem Heimweg beraten wir, wie wir die Silvester-Nacht verbringen wollen. In einigen Bundesstaaten Indiens ist Alkohol streng verboten. Das hat ausnahmsweise mal keine religiösen Gründe. Die Prohibition wurde eingeführt, um das Alkoholproblem in Griff zu bekommen. In Bihar stehen strenge Strafen auf Alkoholkonsum und -Vertrieb. So ist die Idee, mit einem Glas Sekt auf das neue Jahr anzustoßen, schnell vom Tisch. Leonor, unsere Reiseleiterin, lädt uns zu sich ins Hotelzimmer ein, um bei Apfelschorle und alkoholfreiem Bier das neue Jahrzehnt zu begrüßen.

Doch zuvor essen wir schnell im Hotel zu Abend, bevor dies sein Restaurant schließt. Dann haben wir noch etwas Zeit für uns, die ich intensiv nutze. Am Neujahrsmorgen wird Leonor mit mir nach Gaya fahren, um dort eine Puja, eine Art Ritual oder Gebet für meinen verstorbenen Mann durchzuführen. Seit ich in Indien bin, fühle ich, dass es Zeit wird, nach so langer Zeit wirklich Abschied zu nehmen. So rät mir Leonor, einen letzten Brief an ihn zu schreiben, den wir am nächsten Tag dem Feuer übergeben werden. Ohne den Stift abzusetzen schreibe und schreibe ich, die Tinte und meine Tränen vermischen sich auf dem Papier. Noch immer gibt es soviel zu sagen, zu erklären, zu verzeihen, zu verstehen, bis ich den Brief beenden kann.

Gegen 22 Uhr versammeln wir uns dann alle bei Leonor, die ihr Zimmer liebevoll mit Kerzen dekoriert hat. Es gibt frisches Obst und Nüsse. Wir singen Lieder, von denen uns zumeist nur die ersten Strophen einfallen und begrüßen das neue Jahr mit einem weiteren Friedensmantra „Om Tryambakam Yajamahe“, dem eine lebensspendende und heilsame Wirkung zugesprochen wird. Was für ein schöner Jahresbeginn.

Draußen ist alles still, nur ein paar vereinzelte Feuerwerkskörper verirren sich am Himmel. Bald verabschieden wir uns von unserer Gastgeberin. Auf schnellstem Wege verschwinde ich in meinem Bett. Dankbar für diesen berührenden Tag und gespannt auf das nächste Jahrzehnt, das morgen sehr zeitig mit einer Tuk-Tuk-Fahrt nach Gaya beginnen wird. Doch dazu später mehr …

 

Fortsetzung folgt

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Bodhgaya – Von Hundedecken bis zur Erleuchtung

  1. Dein Bericht rührt mich wie immer sehr an. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

  2. Super geschriebener und informativer Artikel :-). In diesen Blog werde ich mich noch richtig einlesen

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