Yvonnes Reisen

What a wonderful world!

Kalkutta und ihre Wahrzeichen – Tag 3

Am freien Vormittag des dritten Tages in Kalkutta laufe ich schon sehr früh los. Entspannung liegt in der Luft. Noch sind nur sehr wenige Menschen unterwegs und es erklingt statt des ewigen Hupkonzertes nur vereinzelt eine Hupe. Die Waren des Neuen Marktes sind auf Paletten fest verpackt. Bevor die Händler alles wieder ausbreiten, trinken sie entspannt einen Chai.

 

Morgens ist Indien am saubersten. Aller Unrat vom Vortag ist aufgekehrt. Das ist übrigens auch etwas, was nach europäischem Verständnis schwer nachzuvollziehen ist. Leonor berichtete, dass sie anfangs in ihrem Ashram die Frauen fragte, warum sie denn z.B. leere Verpackungen auf den Boden werfen würden, statt in den Mülleimer. Sie erntete fragende Blicke und die Antwort: „Wir kehren es doch am Abend wieder weg“…

Ich genieße meinen Weg, nur selten spricht mich jemand an. Niemand, der mir etwas verkaufen will, was es nur bei ihm und für mich besonders preiswert gibt. Eine Weile begleitet mich ein Inder, der sich als Guide anbietet. Wir haben ein angenehmes Gespräch. Als ich ihm sage, dass ich mit einer Gruppe unterwegs bin, gibt er mir seine Karte vielleicht für das nächste Mal, wenn ich in Kalkutta bin.

Ich laufe vorbei an den beeindruckenden viktorianischen Bauten und erreiche die St. Pauls Church.

Eigentlich will ich nur einen kurzen neugierigen Blick hineinwerfen und eine Kerze anzünden, als ich bemerke, dass gerade die morgendliche Messe begonnen hat. Leise setze ich mich auf einen der Plätze. Der Pfarrer spricht von Gemeinschaft und Liebe, die Gemeinde singt „Stille Nacht, heilige Nacht“ und mir rinnen leise die Tränen über mein Gesicht. Statt der Heiligen Nacht am 24.12. erlebe ich heute am 29.12. meinen Heiligen Morgen. Nach dem Gottesdienst lädt mich ein älterer Inder ein, mit ihnen Tee zu trinken und einen Keks zu knabbern, was vor der Kirche für alle angeboten wird – gelebte Gemeinschaft.

Ich wandere weiter durch das sonnige Kalkutta zum Victoria Memorial.

Die Ticketverkäuferin knurrt etwas, als ich nur das preiswerte Ticket für den Garten erwerbe. Für das Kunstmuseum im Inneren des Memorials reicht meine Zeit nicht.
Das Victoria Memorial ist eines DER Wahrzeichen Kalkuttas und wurde, wie der Name vermuten läßt, zu Ehren Königin Victorias erbaut und 1921 eröffnet. Die Architektur ist sehr beeindruckend und erinnert mich mit der schneeweißen Marmorfassade an das Taj Mahal und irgendwie auch an den Buckingham Palace.
Auf der Spitze der gigantischen Kuppel thront eine fast 5m hohe Statue der Siegesgöttin Victoria.

Ich umrunde das beeindruckende Bauwerk und genieße den herrlichen Garten, in dem sich viele indische Familien tummeln.

Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass es Zeit wird, zurückzulaufen.

Zwischenzeitlich hat das Gewusel am Neuen Markt wieder eingesetzt und ich schlängle mich durch die Stände zurück zu unserem Hotel.

Hier wartet schon unser Bus auf uns, der uns zum 200 Jahre alten Kalighat Tempel bringt. Es ist der wichtigste Kali-Tempel der Stadt. Der älteste und wohl auch der grausigste. Früher wurden hier der Schwarzen Göttin Menschenopfer dargebracht. Inzwischen schneidet man nur noch Ziegen rituell die Kehle durch, um Kali um Gnade anzuflehen.

Fotografieren ist streng verboten und wie in jedem Tempel ziehen wir auch hier die Schuhe aus, um uns barfuß dem Heiligtum zu nähern.
Es herrscht eine ganz andere Stimmung als gestern im Dakineshwar-Kali-Tempel. Fast aggressiv benehmen sich die Gläubigen. Leonor erklärt das mit der Energie, die von diesem Tempel ausgeht. Sie läßt uns in Reihe aufstellen, jeder hat die Hand des Anderen auf der Schulter. So schieben wir uns dem Tempel entgegen, bemüht beieinander zu bleiben und uns nicht mitreißen zu lassen.

Schmale Treppen führen ins Innere des eigentlichen Heiligtums. Eine lange Reihe barfüßiger Inder mit Blumen in den Händen drängt sich auf den Stufen. Wir werden geschoben, gestoßen und versuchen, auf dem Boden nicht auszurutschen, als wir uns plötzlich im Halbdunkel des Allerheiligsten befinden. Weihrauchgeschwängerte Luft, ekstatische Gebärden, trancehafte Ergriffenheit der Anbetenden; im Hintergrund die schwachbeleuchteten Konturen eines schwarzen Torsos, ein funkelndes Augenpaar – Kali, die schreckliche Göttin. Zu ihren Füßen Berge von Blumen. Schon werden wir von den Priestern und der Masse zum Ausgang gedrängt. Dort ordnen wir uns etwas, zählen durch, dass wir keinen verloren haben und sind total erschöpft. Was für eine Erfahrung.

Ganz in der Nähe befindet sich das Mother Teresa House – Nirmal Hriday ist die erste Einrichtung, die von Mutter Theresa 1950 gegründet wurde. Aus ihrem katholischen Orden ausgetreten, etablierte sie sie ihre eigene Wohltätigkeitsorganisation. Das Mutterhaus ist auch heute noch ein Kloster, das ein kleines Museum über das Leben und Wirken von Mutter Teresa beherbergt. Wir besuchen auch das Kinderheim direkt um die Ecke. Tatsächlich fällt es mir hier sehr schwer, über meine Emotionen zu berichten. Ich bin schwankend zwischen dem, was sie erreichen wollte, was sie getan hat und welche Auswirkungen das hatte. Das Thema ist so komplex und von so vielen Seiten zu betrachten, das ich es hier ausklammern möchte. Letztlich zählt hier vermutlich das Gleiche, was ich schon über die Göttin Kali geschrieben habe. Nichts und niemand hat nur eine Seite. Es lohnt sich immer, dahinter zusehen. Und selbst dann wird man nicht immer alles verstehen.

Es wird wieder Zeit für Freude und Farbe im Leben und was wäre dazu besser geeignet als der größte Blumenbasar in Asien.

Auf dem Flower Market unter der Howrah Brücke finden sich jeden Tag Tausende von Menschen ein, um Blumen und Pflanzen zu kaufen oder zu verkaufen.

Wir schlendern durch die Gänge, lassen uns von Leonor mit Blumenkränzen beschenken …

… schauen uns das Spektakel von oben an und saugen die Atmosphäre mit jeder Faser unseres Körpers auf. Die strahlenden Girlanden in gelb und orange, die das Marktgelände zieren geben dem Markt einen zusätzlichen Farbtupfer und die Fetzen, die überall zu sehen sind, ist das Papier, mit dem die Blumen verpackt werden, damit sie lange frisch bleiben.

 

Dann klettern wir zur Howrah Brücke hinauf, die ebenfalls ein Wahrzeichen Kalkuttas ist. Sie wurde 1939 erbaut und zwar ohne die Verwendung jeglicher Schrauben.

Seit 1943 verbindet die Brücke Kolkata und Howrah, woher sie schlicht auch ihren Namen hat. Sie gilt als die am stärksten frequentierte Brücke der Welt und spannt sich über 450 Meter weit ohne jede Stütze über den Hooghly-Fluß. Jeden Tag überqueren über 100.000 Fahrzeuge die Stahlkonstruktion, und über 150.000 Fußgänger spazieren hier täglich über den Fluss.

Zurück am Neuen Markt schieben wir uns ein letztes Mal durch die Menschenmassen, Körpermassage inklusive.

Der Bus bringt uns zur Howrah Railway Station, dem – zweitältesten Bahnhof in Indien. Hier werden wir gleich in den Nachtzug ins 500 Kilometer entfernte Gaya einsteigen. Doch dazu später …

PS. Das heutige Titelfoto hat Sybille Petersohn aufgenommen, die aus unserer Gruppe mit Abstand den besten Blick für die wunderbaren Motive hatte. Lieben Dank Sybille für deine tollen Fotos und die Inspiration.

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Zwischen Stille und Lärm in Kalkutta – Tag 2

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  1. Liebe Yvonne, Dankeschön für dieses Mitnehmen ins Erspüren mit Fühlen, Riechen und Hören dieser beeindruckenden Stadt. 🙏 Ich mag deine Berichte, sie geben mir ein Gefühl, als wäre ich dabei gewesen- wunderbar 💎!

    • Yvonne

      Liebe Brigitte, das freut mich sehr. Für mich ist es am schönsten, wenn ich euch Bilder in den Kopf zaubern kann.

  2. Birgit

    Zum Thema Taj Mahal und Buckingham Palace würde mir ergänzend noch eine Prise „White House“ einfallen 😉

    Kali war mir lange unheimlich, inzwischen finde ich sie faszinierend. Und im Yoga ist Kaliasana derzeit einer meiner Lieblinge. Da fühle ich mich stark und geerdet – so wie Kali halt ist!

    • Yvonne

      Tatsächlich ist mir auch als erstes das Weiße Haus eingefallen 🙂 Da ist mir nur der Bezug schwer gefallen. Auf jeden Fall ist es einen Besuch wert .

      Ja Kali ist schon etwas ganz besonderes. Kali – Göttin von Zeit, Wandel und Veränderung – vielleicht ist es das, was mich an ihr fasziniert. Und dass ich in zwei Tempel zwei so unterschiedliche Energien gespürt habe. Nichts und niemand hat nur eine Seite und es braucht auch das Zerstören, um neu beginnen zu können.

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