Yvonnes Reisen

What a wonderful world!

Bangalore oder was ich über Palmblattbibliotheken gelernt habe

Die Idee, in meinem kleinen Hotel alle Reisenden zum Frühstück an einen Tisch zu setzen, finde ich schön.

8 Stühle stehen um den runden Tisch, der liebevoll eingedeckt ist. Vermutlich bin ich zu früh, denn ich trinke allein meinen erstaunlich guten Kaffee und knabbere an meinem Toast, bevor ich mich auf den Weg mache.

Bangalore ist heute morgen noch recht ruhig. Wie ich später erfahre, liegt das an der Sonnenfinsternis. In weiten Teilen Asiens schiebt sich heute morgen der Mond über die Sonne. Surya, der Sonnengott gerät bei der totalen Sonnenfinsternis in Bedrängnis. So jedenfalls heißt es in der hinduistischen Mythologie. Der Dämon Rahu versucht laut der Überlieferung dann, die Sonne zu erobern. Prophezeiungen von Krieg und nahenden Katastrophen begleiten noch heute dieses Phänomen. Am besten – so sagen es die Inder – schützt man sich, in dem man nichts isst, das Haus nicht verlässt und wenn das Spektakel vorbei ist, sich und das Haus gründlich reinigt.

Zu sehen ist heute allerdings nichts. Der Himmel ist total wolkenverhangen. Genau wie meine Stimmung. Noch immer ist keine Lösung für den Laptop Transport in Sicht. Meine deutsche Hausbank verweigert mir mit ihren eigenen Karten, Geld auszuzahlen (stattdessen versorgt mich die einheimische Bank an der nächsten Straßenecke mit Bargeld) und das Café, in dem ich ein bisschen abhängen wollte, hat noch geschlossen …

11 Uhr holt mich mein Guide ab und tatsächlich bin ich ein wenig aufgeregt. Denn ich habe gleich einen Termin in der Palmblattbibliothek. Denke ich mir zumindest …

Was ist die Palmblattbibliothek?
Die Rishis waren die Heiligen des vedischen Zeitalters in Indien und gelten als die Schöpfer der geheimnisvollen Palmblattbibliotheken Asiens. Für jeden Menschen, der sich dorthin gezogen fühlt, liegt ein getrocknetes Palmblatt bereit, auf dem u.a. seine Lebensaufgabe in Alt Tamil, Sanskrit oder anderen Sprachen geschrieben steht.

Nach bestimmten Kriterien wie den Daumenabdruck suchen die sog. Naadi-Vorleser, die extra für das Lesen aus der Palmblattbibliothek ausgebildet wurden, aus den 108 Grundtypen von Menschen aus, welche die ganze Menschheit abdeckt. Mit Hilfe von Zwischenfragen der Leser an die Ersuchenden werden mögliche Blätter immer weiter eingegrenzt, damit schlussendlich ein einziges Blatt übrig bleibt und gezogen wird.

Auf diesem Blatt sind Informationen über deine Vorleben, über deine Vergangenheit in diesem Leben und deiner Zukunft aufgeschrieben – Gesundheit, Partnerschaft, Familie, Job, Finanzen werden beleuchtet und manchmal gibt es auch einen Ratschlag für dich.

12 originale Palmblattbibliotheken gibt es in Indien. Bangalore ist eine der wichtigsten existierenden mit einem Bestand von ca 1,3 Mio Palmblättern.
Ich hatte im Vorfeld der Reise viel über die Palmblattbibliotheken gelesen und fasziniert den Menschen zugehört, die eine solche Lesung erlebt haben.
Nicht nur Neugier bewegt mich, nun selbst eine Palmblattbibliothek zu besuchen. Auch die Frage „Wo ist mein Platz in dieser Welt. Wohin gehöre ich“ treibt mich um.

Mein Guide begleitet mich. Verwundert steige ich drei Etagen in einem Wohnhaus nach oben. Hier soll die berühmte Palmblattbibliothek sein? An der Tür steht : Nadireader und Astrologe. Auf meine Nachfrage erfahre ich, dass nicht nur die Originalpalmblätter immer wieder abgeschrieben werden, um sie zu erhalten , sondern es auch unzählige Kopien gibt. Ich vermute, dass jeder, der sich einen Packen Blätter organisieren kann und Tamil spricht, sich Nadireader nennen darf. Mein Fehler: ich hatte den Wunsch, die Palmblattbibliothek in Bangalore zu besuchen, an meine Reiseagentur weitergegeben und selbst nicht gründlich genug recherchiert.

So saß ich dann und wartete auf den Nadireader, der nach der Sonnenfinsternis erstmal frühstücken muss. Ein anderer stellt meinen Stuhl nach draußen, denn nun muss erstmal gewischt werden.

Als nächstes drücke ich meinen linken Daumen in ein Stempelkissen und anhand des Abdrucks begibt sich der Nadireader auf die Suche nach meinem Blatt.

Er kommt wieder mit etwas, was aussieht wie ein zusammengeschobener Holzfächer, dessen einzelnen Gliedern eng beschrieben sind.

Er beginnt, mir auf Tamil Fragen zu stellen. Mein Guide übersetzt sie ins englische und meine Aufgabe besteht darin, mit ja oder nein zu antworten.
Ist der Anfangsbuchstabe des Vornamens ihrer Mutter ein K? Nein!
Sind Sie an einem Dienstag geboren? Nein!
Ist ihr Mann selbständig ? Nein!
Manche Fragen kann ich auch mit Ja beantworten. Ich würde mal sagen, das Verhältnis liegt 50:50.

Dann schreib ich meinen Namen und mein Geburtstag auf, den Namen meiner Mutter und meines Vaters. Schon zieht er wieder los und kommt mit dem nächsten Blatt. Dies wäre nun das Meinige. Doch zuvor würde er gern kassieren. Ungefähr 80 Euro bezahle ich für dieses Erlebnis. Meine Frage nach einer Quittung wird leider verneint und die Zahlung hat auch in bar zu erfolgen. Echt schade, denn vor dieser Praxis würde ich gern andere Reisende warnen.

Gut zugehört, wiederholt er nun alle Daten, bei denen ich vorher mit ja geantwortet habe.

Dann beginnt die Lesung. Dramatisch erhebt er die Stimme. Für den Preis ist noch eine Frau inklusive, die seine Lesung ins englische übersetzt. Das ist schade, weil ich meinen Guide deutlich besser verstehe, während der Lesung aber nicht unterbrochen werden darf. Ich drücke auf die Aufnahmetaste  meines Smartphone und bin gespannt.

Mein Guide, der von Anfang an etwas kritisch war, prophezeite mir im Vorfeld, dass ich vermutlich viel beten soll und noch mehr spenden. Und so ist es denn auch. Um mich von Leid zu befreien, soll ich beten und 8000 Rupien (ca 100 Euro) spenden.

Ich soll achtsam sein im Straßenverkehr – ja das macht Sinn hier in Indien.

Ich adoptiere ein Kind – spannend mit meinen 52 Jahren.

Und mit 72 darf ich wiederkommen, um den Rest der Geschichte zu hören.
Weitere Details aus meinem zukünftigen Leben erspare ich euch.

Versteht mich nicht falsch. Ich habe nach wie vor großen Respekt vor dem Wissen auf den Palmblättern. Doch das hier war aus meiner ganz persönlichen Sicht ein Nepp.

Zurück im Hotel gehört der Nachmittag dem Sicherstellen meines Laptos. Long story short: eine junge Polin, die mit mir im Ayurveda Ressort war, wird das Gerät vor ihrem Rückflug beim Airportmanager aufpicken und mir dann von Polen nach Hause senden. Vermutlich ist der Laptop vor mir zu Hause.

Mir wird bewusst, dass ich seit dem Toast zum Frühstück nichts gegessen habe. So suche ich mir ein Café und spaziere noch ein wenig durch die Umgebung.

Bewundere den schönen Weihnachtsschmuck in der Trinity Church.

Suche wie eine Stecknadel einen kleinen Tempel, der sich so gut versteckt hat, dass ich – nachdem ich todesmutig von einer Straßenseite auf die andere rennend- entnervt aufgebe.
In einem der Nobelhotels an der Straße finde ich stattdessen eine Oase im Garten, die das ewige Gehupe für einen Moment ausblendet. Ich gönne mir ein sündhaft teures Glas Wein und dann noch ein zweites.

Bangalore war eine echte Erfahrung.

Nur noch schnell eine Dusche und dann ab ins Bett. 2:45 Uhr klingelt der Wecker. Kalkutta – ich komme.

Und damit beginnt schon der vierte von fünf Teilen meines Indientrips: die Gruppenreise mit „Neue Wege“ von der Mündung des als heilig verehrten Flusses Ganges bis in den Norden, wo der Fluss aus dem Himalaya austritt.

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Bangalore – oder, wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben

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Kalkutta – City of Joy, die nicht am Ganges liegt

  1. Kristin

    Liebe Yvonne,

    ich finde es echt schade, dass die Lesung so ein Reinfall war…Es gibt überall diese Arten von Menschen, die sich auf diese Weise bereichern. Doch gib bitte nicht auf! Vielleicht ist es auch für etwas Anderes gut. Eventuell planst Du beim nächsten Indienbesuch das sehr genau…
    Liebe Grüße

    • Yvonne

      Liebe Kristin, ich gebe definitiv nicht auf. Dafür finde ich das Wissen der Bibliotheken viel zu faszinierend.
      Beim nächsten Mal recherchiere ich genauer 🙂
      Und es gab noch viele bewegende Erlebnisse, die Indien für mich unvergessen machen. Ich freu mich auf meine nächste Reise.
      Doch zuvor werde ich hier noch ausführlich über Kalkutta, Bodhgaya, Varanasi und Rishikesh berichten

  2. Marion

    Ich wäre auch mit anderen Erwartungen in die Palmblattbibliothek gegangen, ich hoffe sehr, dass Du nochmals eine andere Erfahrung machen darfst – aber es ist sehr gut, dass Du Deine Erfahrungen im Blog öffentlich machst, so bewahrst Du einige Reisende vor weiteren Enttäuschungen!
    Falls Dir Deine Bankern bei Karten / Geld helfen soll – gib einfach Bescheid! 😉
    Liebe Grüße an Dich und meinen persönlich herausfordersten Ort in Indien: Varanasi

    • Yvonne

      Ich hab in Varanasi viel an dich gedacht. Ich finde den Ort sehr faszinierend – die vermutlich älteste Stadt der Welt. Gleichzeitig glaube ich, dass sie sich seit deinem Besuch auch verändert haben wird, da einige Jahre vergangen sind.
      Ich freu mich auf unseren Austausch.
      Liebe Grüße Yvonne

  3. Nicole Harder

    Liebe Yvonne!

    Oh ha … Das ist ja echt n Ding! Die Palmblattbibliothek steht “eigentlich” auch noch auf meiner Liste …

    Danke für das Teilen deiner ganzen Erfahrungen in Indien. Drücke dir die Daumen, dass du deinen Rechner wieder hast/bekommst.

    Ganz liebe Grüße, Nicole.

    • Yvonne

      Liebe Nicole, der Rechner ist fast zeitgleich mit mir in Deutschland angekommen.
      Die Palmblattbibliothek ist ganz sicher ein besonderes Erlebnis. Es braucht nur jemanden, der dich unterstützt, die originale Bibliothek zu finden

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