Yvonnes Reisen

What a wonderful world!

Bangalore – oder, wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben

Ein letzter Blick aus der Vogelperspektive auf das Land der Kokospalmen…

… so sollte mein Artikel über Kerala und meine Ayurveda-Erfahrungen beginnen, den ich auf meinem Flug von Kerala nach Bangalore schreiben wollte. Doch es kam ganz anders … wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben – und nicht immer ist das etwas schönes …

Unfassbar – die zwei Wochen Panchakarma Kur sind wie im Flug vergangen und schon beginnt meine dritte Reiseetappe und ich fliege nach Bangalore. Zeitig am Morgen erreiche ich den Flughafen. Es ist  nicht mehr viel Zeit, meinen Koffer abzugeben und durch den Sicherheitscheck das Gate zu erreichen.

Ein russisches Sprichwort sagt : „Hast du es eilig, geh langsam.“. Leider erinnere ich mich zu spät daran:

Schnell schiebe ich meinen Koffer am Eingang des Flughafens durch den Sicherheitsscanner und erreiche den Check in von Air india, die mich direkt zum Anfang zurückschicken, da ich leider meinen Koffer von der falschen Fluggesellschaft habe durchleuchten lassen. Air Indigo macht das bestimmt nicht gründlich genug. Wie wenig die beiden Fluggesellschaften miteinander können, werde ich noch schmerzhaft erleben.

Mit der Bordkarte in der Hand begebe ich mich zum Sicherheitscheck. Vorher muss ich mich  noch am Immigrationsschalter anstellen, was ewig dauert und völlig sinnfrei ist, da ich einen Inlandflug gebucht habe. „Oh sorry – ich dachte, sie wollen auf die Malediven reisen“. Auch eine schöne Idee, doch nein – ich will nach Bangalore, die Palmblattbibliothek wartet auf mich.

Endlich durch den Sicherheitscheck greife ich nach meinem Rucksack und meiner Yogamatte – gute Vorsätze nach der Ayurveda Kur – und schlendere zum Gate mit dem eigenartigen Gefühl, es fehlt was … doch eine Jacke hatte ich nicht dabei. Alles in Ordnung.

Am Gate bestelle ich mir meinen ersten Kaffee nach der Kur und höre undeutlich meinen Namen über die Lautsprecheranlage. Der Rest ist Murmeln – warum ist überall auf der Welt die Akustik auf Flughäfen so schlecht?

Ich frage einen Mann, der sehr offiziell aussieht. Er zuckt  nur mit den Schultern. Ich bin am richtigen Gate. Was soll schon sein ?

Wenig später sitze ich im Flieger. Schaue aus der Vogelperspektive auf das Land der Kokospalme, greife in das Laptopfach meines Rucksacks und … fasse ins Leere. Schlagartig friert mein Lächeln ein, Panik überkommt mich. Ich sehe mich, wie ich den Laptop in eine Kiste am Security Check lege…

Aufgeregt spreche ich den Flugbegleiter an. „Mein Laptop ist am Sicherheitscheck geblieben“. „Kein Problem, die Sicherheitsüberwachung hat alles gefilmt. Den bekommen sie wieder“.

Das beruhigt mich nicht wirklich. Offline schreibe ich schon Emails an den Flughafen und eine Nachricht an meine Agentur in Bangalore.

Angekommen beginnt eine Odyssee. Der lost and found Schalter schickt mich zum Airport Manager, der zum Air India Schalter und die verweisen mich an den Flughafen in Kerala.

Inzwischen ist mein Fahrer bei mir, der genauso ratlos ist, wie ich.

Wir fahren Richtung Stadt, während er versucht, den Airport Manager in Trivandrum zu erreichen. Endlich haben wir ihn am Telefon. Dieser verspricht, sich zu kümmern. Ich darf mich in zehn Minuten wieder melden.

Die gute Nachricht ist, der Laptop wurde sichergestellt. Ich möge bitte eine Kopie meines Ausweises, meine Bordkarte und ein Authorisierungsschreiben schicken, damit ihn jemand für mich abholen kann. Neeeein, ich brauche den Laptop in Bangalore. Packt ihn doch einfach in den nächsten Flieger und ich hole ihn am Flughafen ab.

Dass das so einfach nicht ist, erfahre ich in den  nächsten Stunden.

Ich checke im Hotel ein. Wenig später holt mich mein Guide zur Stadtbesichtigung ab, dem ich natürlich erstmal meine Probleme schildere. Noch glaube ich, dass diese bei der Agentur und beim Airport Manager in Trivandrum gut platziert sind und mein Guide gibt sich die größte Mühe, mir die schönen Seiten von Bangalore zu zeigen.

Das ist gar nicht so einfach, denn Bangalore ist keine Touristenstadt. Ursprünglich mal eine Gartenstadt mit vielen Seen,  ist es heute eher ein Moloch. Hierher kommt man zum Geschäfte machen oder einkaufen. Bangalore ist das Silicon Valley von Indien. Hier arbeiten mehr Menschen in der IT-Branche als in den gesamten USA. Die Stadt ist jung und modern. Ich staune, wieviel Frauen hinterm Steuer sitzen. Der Fahrer sagt mir, dass es sogar Frauentaxis gibt. Keine zehn Pferde könnten mich bewegen, hier freiwillig selbst zu fahren. Alle 12 Millionen Einwohner der Stadt scheinen unterwegs zu sein und hupen, was das Zeug hält. Dagegen war Mumbai gefühlt ein Dorf. Jedesmal, wenn ich die Straße überquere , verfalle ich in einen Sprint. Ich bin das letzte Glied in der Kette , keiner schert sich um Fußgänger und irgendwie überlebt man trotzdem.

Unseren ersten Halt machen wir im Botanischen Garten. Inspiriert von den Gärten der Mogule und dem französischen botanischen ließ der damalige Sultan 1760 diese sehr großzügige Oase anlegen.

1856  bauten die Briten noch eine Tribüne für Militärkapellen sowie ein Gewächshaus nach dem Vorbild des Londoner Crystal Palast.

Danach besichtigen wir den recht unscheinbaren Tipus-Sommerpalast, ein zweistöckiges, größtenteils hölzernes Bauwerk aus dem Jahr 1791, das sich in einem sehr schlechteren Zustand befindet, die meisten Wandgemälde sind verschwunden. Einstiger Sitz des Königs war Mysore, wo wohl alles etwas prunkvoller ist.

Die Bögen des Palastes erinnern mich stark an das Taj Mahal. Mein Guide bestätigt das: gute Bauherrn waren immer die Muslime. Hindus können nur Tempel.

Das Government Museum hat wegen Weihnachten geschlossen. Der Park ist trotzdem wunderschön. Erstaunt fällt mein Blick auf einen Skyscraper, der mit sehr bekannt vorkommt. Mein Guide schmunzelt : Indien ist super im kopieren. Und so schaue ich auf ein indisches Empire State Building.

Als wir später am Bangalore Palace ankommen, denke ich erst, wir sind im Disney Land. Der moderne Palast wurde 1878 erbaut  und ist eine Kopie von Windsor Castle.

Die Innenausstattung kommt aus der ganzen Welt : Kristall aus Böhmen, Marmor aus Italien – dabei hat der Marmor aus Rajasthan eine viel bessere Qualität. Doch das zählt nicht. Nur Importe haben Wert.

Wir kommen am Regierungsgebäude vorbei, was gigantische Ausmaße hat und auch einem Palast gleicht.

Gebaut in 1956 , ist es das größte staatliche Gebäude seiner Art in ganz Indien. Und gleichzeitig die indische Antwort auf eine russische Delegation, die feststellte, alle wichtigen Gebäude sind britische Kolonialbauten. Das war Anstoß genug, dem britischen High Court diesen Prunkbau gegenüber zu stellen.

Unser letzter Halt ist der Hare Krishna Temple. Und hier tobt das Leben.

Wie jetzt auch zu Weihnachten , finden viele Festivals statt, die mit Lord Vishnu oder der vedischen Kultur zu tun haben und mit großer Freude gefeiert werden.

Mitten im Raum sitzt die Musiker, um sie geschart Menschen jeden Alters, die alle gemeinsam Hare Hare Krishna chanten.

Es sind unfassbar viele Menschen in dieser religiösen Hauptattraktion der Stadt. Mein Guide meint dazu : Religion ist Opium für das Volk …

Der Tempel ist noch recht jung und wurde von der Internationalen Gesellschaft für Krishna Bewusstsein (ISKCON) erbaut.

Bei uns ist sie besser bekannt als Hare-Krishna-Bewegung, die 1966 gegründet wurde. Die Idee war, das Krishna-Bewusstsein in den westlichen Ländern zu verbreiten – beginnend in Kalifornien. Vor allem die Hippies haben die Bewegung in den 70er Jahren auch nach Europa gebracht  

Alles ist hier etwas chaotisch. Aufgrund der hohen Besucherzahlen werden wir mehr durch den Tempel geschleust, statt in eigenem Tempo durch zu gehen. Nachdem wir an dem prunkvollen Lord Krishna vorbeigeschoben wurden, erreichen wir eine Menge von Essens- und Dutzende von Devotionalienstände. Beim rausgehen erhalten die Besucher noch etwas Dhal auf die Hand. Darauf verzichte ich gern.

Zwischendrin immer wieder neue Meldungen von der Laptop-Front

  • Es gibt morgen keinen Air India Flug von Trivandrum nach Bangalore
  • Indigo fliegt die Strecke. Doch Air India rückt den Laptop nicht raus
  • Air India könnte den Laptop über Kochi nach Bangalore mitnehmen.

Es bleibt ein Funken Hoffnung.

Als wir die MG Road, die Einkaufsstraße schlechthin erreichen., ist es schon 20 Uhr. Für 8 Kilometer haben wir 40 Minuten mit dem Auto gebraucht. Ich frage den Fahrer, ob der Verkehr immer so chaotisch ist. Seine Antwort: „Heute ist Weihnachten, da ist es ruhig.“ Aha 🙂 Bei der nächsten Gelegenheit steige ich todesmutig aus dem Auto, bummle etwas über die Straßen

trinke mein erstes Glas Wein nach der Kur in einem Pub.

Der Manager des gleichen druckt meine Enthaftungserklärung für die Fluggesellschaft aus, immer noch in der Hoffnung, dass mich mein Laptop morgen erreicht. Ich stelle mir das in Deutschland vor : ich frage in einem Restaurant, ob sie wohl einen Brief für mich ausdrucken können… Muss ich mal ausprobieren.

Eine junge Inderin streckt mir ihre Hand hin, nennt ihren Namen und wünscht mir Merry Christmas. Spätestens jetzt ist es um meine Beherrschung geschehen. Tränen rollen über mein Gesicht. Das Land fordert mich und macht mich gleichzeitig glücklich.

Durch die dunklen Straßen laufe ich zurück in mein Homestay. Das liegt in einer Seitenstraße, so dass ich den Lärm der Stadt hinter mir lasse und erschöpft einschlafe.

In meinem nächsten Beitrag erfahrt ihr, was es mit den Palmblattbibliotheken auf sich hat und wie es mit der Laptop-Story weitergeht.

Den Bericht über Kerala und Ayurveda hole ich noch nach – versprochen

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Mumbai – eine Stadt zum Nachdenken

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Bangalore oder was ich über Palmblattbibliotheken gelernt habe

  1. Oh, Yvonne, da habe ich beim Lesen ja richtig mitgelitten. Ich hoffe auf ein Happy End an der Laptop-Front. Ja, umständlich können sie auch, die Inder … Bangalore hatte ich nicht so wirklich auf dem Schirm für die nächste Tour. Würdest du es empfehlen oder eher raten, es wegzulassen? Dein Bericht ist da nicht so eindeutig. Mach weiter was aus deinem Aufenthalt, trotz diese Missgeschickes, das dir eine Menge Zeit und Nerven geraubt hat.

    • Yvonne

      Danke fürs mitfiebern. Noch ist der Laptop in Trivandrum auf dem Flughafen.

      Nein – ohne Grund würde ich nicht nach Bangalore reisen. Ich hatte einen Termin in der Palmblattbibliothek vereinbaren lassen. Ohne den wäre ich nicht nach Bangalore gegangen. Und auch bei einer solchen Lesung muss man gut aufpassen, an wen man gerät. Dazu mehr im nächsten Artikel 🙂

  2. Kristin

    Liebe Yvonne,
    ich kann das Desaster gut nachvollziehen. Die Nerven liegen blank und dann eine nette Geste…
    Du wirst Deinen Laptop wieder bekommen. Hab gerade diesen Herzenswunsch ans Universum gegeben. Es war eine Lektion, wofür auch immer… Versuch trotzdem alles in Ruhe aufzunehmen und zu verarbeiten. Auf die Palmblattbibliothek bin ich ja mal riesig gespannt.
    Liebe Grüße
    Kristin

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