Yvonnes Reisen

What a wonderful world!

Mumbai – eine Stadt zum Nachdenken

Es ist noch früh am Morgen. Zeit genug, um auf Entdeckung zu gehen, bevor am letzten Tag unserer Pressereise das offizielle Programm startet.

Auf meinem Zettel steht Khotachi Wadi, ein portugiesisches Dorf inmitten von Mumbai und keine fünf Kilometer von meinem Hotel entfernt. Zum Laufen fehlt mir doch ein wenig die Zeit, so spreche ich den ersten Taxifahrer an, den ich am Marina Drive finde. Der wiegelt ab:  dahin zu fahren, würde er mir nicht empfehlen. Aha – dann wohl doch laufen. Ich versuche es wenig später noch einmal bei einem anderen Taxifahrer und erkenne das Problem. Mein Ziel ist zu unbekannt. So nenne ich dem Fahrer den Namen eines Hospitals, was ich in der Gegend ausmache. Von da aus werde ich mein Ziel schon finden.

Als ich aus dem Auto aussteige, ist von Großstadt nichts zu sehen. Es ist sehr ruhig hier am Sonntag morgen. Die ersten Straßenhändler haben ihre Streetfood-Stände aufgebaut. Ein Mann verkauft einzelne Eier, eine Kuh hat es sich am Straßenrand bequem gemacht. Nichts mehr zu spüren, von der Zwanzig-Millionen-Einwohner-Stadt.

Es dauert ein Weilchen bis ich den richtigen Eingang finde, um mich plötzlich in einem völlig anderen Jahrhundert wiederzufinden.


Khotachi Wadi ist eine zauberhafte Ansammlung ganz besonderer Häuser im indo-portugiesischen Stil, die hier seit dem frühen 18. Jahrhundert stehen. Hier wohnen überwiegend Mitglieder der katholischen Gemeinde. Ich schlendere durch die kleinen Gassen, bewundere die bunten Häuser aus Holz mit ihren Gitterfenstern und Balkonen, nehme die Ruhe in mich auf und tanke Kraft für den vor mir liegenden Tag.

Der beginnt nach dem Frühstück mit der Besichtigung der Haji Ali Dargah Moschee. Sie gilt als eine der schönsten Moscheen von Indien und beherbergt das Grab des moslemischen Heiligen und afghanischen Mystikers Haji Ali Bukhari. 1431 erbaut, wird sie heute von mehr als 80 000 Menschen jede Woche besucht.


Wir reihen uns in den Strom der Menschen ein, die sich über den schmalen, zementierten Dammweg der Moschee nähern. Diese liegt auf einer kleinen Insel und ist über den Damm mit dem Festland verbunden. Für mich werden hier die Extreme Indiens besonders deutlich. Es ist von allem etwas da – die Straßenstände, an denen von bunten Armreifen bis zu Süßigkeiten alles verkauft wird. Müllberge, die sich am Wasserrand türmen und so sehr stinken, dass sich auch die Einheimischen die Nase zuhalten. Der Damm wird auf seiner gesamten Länge von Bettlern gesäumt, die Verse des Koran zitieren. Menschen ohne Arme und Beine liegen auf Decken und geben tiefe surrende Geräusche von sich. Einmal mehr stelle ich mir die Frage, bis wohin ist ein Leben lebenswert und wer darf es entscheiden?


Gleichzeitig sind Hunderte von jungen Familien mit uns auf dem Weg zur Moschee, lachen, reden, wollen sich alle mit uns fotografieren lassen. Auch Nicht-Moslems sind hier willkommen, die Felsen hinter der Moschee sind Begegnungsort für Menschen aller Religionen.


Auf das Grab selbst werfe ich nur einen kurzen Blick. Viel zu sehr bin ich mit der Gesamtszenerie beschäftigt. Auf dem Rückweg über den Damm fällt mein Blick auf die glitzernden Wolkenkrater unweit der Moschee. Inder pflegen zu sagen: „In meinem Land gibt es nur Wunder und Extreme“ – dem ist wohl nichts hinzuzufügen.

Ich beobachte, wie ein alter Mann zwischen den Müllbergen Sachen sammelt und in große Plastiksäcke stopft. Er sucht nach noch verwendbaren Dingen, wie ein Stück Schnur zum Beispiel. Und obwohl wir nicht in Dharvai waren, würde ich gern einen kurzen Exkurs dorthin mit euch machen. Dharavi gilt als der größte Slum Asiens. Ursprünglich am Stadtrand gelegen, hat der Moloch Mumbai sich um ihn herum ausgebreitet, so dass er sich heute mitten in der Stadt befindet. Schätzungen nach leben hier über 600.000 Menschen – soviel Einwohner hat Leipzig.
Über die Hälfte der Familien leben schon seit mehr als 60 Jahren hier. Fließendes Wasser gibt es nur teilweise. Auf 1.400 Bewohner kommt eine Gemeinschaftstoilette.
Der Slum ist nach Religionen aufgeteilt, so gibt es ein muslimisches Viertel neben einem Viertel der Hindus.

Wenn ich an Slums denke, habe ich Bilder vor Augen, wo Menschen lethargisch unter provisorischen Behausungen aus Bambusstöcken, Plastikplanen und im besten Fall ein Stück Wellblech darauf warten, dass der Tag vorüber geht. Anders in Dharavi – hier schlägt das Herz Mumbais.

In Dharavi werden jährlich rund 700 Millionen Euro mit Handel, Handwerk und Dienstleistungen umgesetzt. 15.000 kleine Betriebe sind hier ansässig. Es gibt Töpferwerkstätten, Ledermanufakturen und Schneidereien. dazu kamen Recyclingbetriebe, in denen große Mengen Plastikmüll gereinigt, geschreddert und wieder eingeschmolzen werden.

Die Zukunft von Dharavi ist ungewiss. Mitten in der Stadt ist dies begehrtes Bauland für Investoren. Die heutigen Bewohner sollen in Hochhäuser umgesiedelt werden. Jeder Familie soll kostenlos eine Wohnung zugewiesen werden, 20 Quadratmeter. Immerhin fast doppelt so viel Platz wie heute. Mit fließendem Wasser, einer richtigen Küche, einem gekachelten Bad. Ein paar solcher Hochhäuser wurden bereits gebaut, einige Familien sind schon umgezogen. Viele Bewohner Dharavis möchten nicht umziehen. Sie möchten ihr soziales Gefüge nicht verlieren. Sie fürchten um ihre Existenzgrundlage, nicht einmal ein Viertel hat eine Arbeit außerhalb des Slums. Die geplanten Wohnungen würden zudem nicht für alle reichen. Die Alternative wäre Obdachlosigkeit. Oder Umzug in einen anderen Slum.

Unser nächstes Ziel ist Dhobi Ghat, die größte Handwäscherei der Welt. Um dorthin zu gelangen, fahren wir mit der Western Line zur Mahalaxmi Bahnstation. Und schon sind wir beim nächsten „Wunder- und Extreme“-Thema: der Eisenbahn Indiens

Indien betreibt mit über 65.000 Kilometer Länge und 7200 Bahnhöfen die fünftgrößte Eisenbahn der Welt. Gebaut von den Briten fuhr 1853 die erste Dampfeisenbahn zwischen dem heutigen Mumbai und Thane immerhin achtundzwanzig Kilometer weit. Unzählige Schiffe brachten Tausende Tonnen Stahl und in England vorgefertigte Eisenbahnen über die Weltmeere, während zehn Millionen indische Arbeitskräfte vor Ort am ersten Streckennetz arbeiteten, welches heute beeindruckende Zahlen vorzuweisen hat: Neuntausend Passagierzüge und mehr als zehntausend Güterzüge steuern täglich über ein Streckennetz von dreiundsechzigtausend Kilometern mehr als achttausend Bahnhöfe an. Knapp zwanzig Millionen Menschen reisen täglich mit dem Zug. Im Jahr sind das mehr Fahrgäste, als sich Menschen auf der Welt zählen lassen.

Die S-Bahn Mumbais ist die überfüllteste weltweit. Keine andere Linie befördert so viele Fahrgäste und zwängt sie so eng zusammen. Sieben Millionen Menschen pendeln jeden Tag im Zug quer durch Mumbai. Das ist laut, eng – und bisweilen gefährlich. In Stoßzeiten fahren in einem Zug, der offiziell 1700 Plätze hat 4700 Passagiere mit. Umgerechnet bedeutet das 15 Passagiere auf einen Quadratmeter und weil das natürlich nicht geht, baumeln 10% aller Fahrgäste waghalsig an den generell offenstehenden Zügen.

Alle zwei Minuten rattert ein neuer Zug in den Bahnhof Churchgate ein. Wir haben Glück, denn es ist Sonntag. Den Bahnsteig in Churchgate haben wir fast für uns allein. Den einfahrenden Zug dann auch. An der offenen Tür stehend sehe ich die Stadt an mir vorbeirauschen.

An der Station Mahalaxmi steigen wir aus. Wenige Meter vom Bahnhof entfernt schauen wir auf die größte Freiluft-Wäscherei der Welt – Dhobi Gat – gegründet -wie könnte es anders sein – 1890 von den Briten.

Die Wäscher (Dhobi) stehen an langen Reihen aus Beton gegossener Waschboxen unter freiem Himmel und waschen für Hotels, Restaurants, Krankenhäuser und Privathaushalte. 7.000 Menschen schlagen, scheuern, bleichen, trocknen und bügeln hier 14 – 16 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche und erwirtschaften einen jährlichen Umsatz von 12 Millionen Euro. In der niedrigen Kaste der Wäscher ist das Waschen traditionell Männersache. Väter geben die Arbeit an ihre Söhne weiter.


Die Dhobis holen die Schmutzwäsche bei ihren Kunden ab und bringen sie am nächsten Tag gebügelt wieder zurück. Jede Ladung wird versteckt markiert. Obwohl die meisten Analphabeten sind, hat sich das jahrhundertealte System der Markierungen bewährt. Trotz des Getümmels kommt es fast nie zu Verwechslungen. Und schon das eine oder andere Mal hat die Markierung der Kleider die Polizei bei ihren Ermittlungen von Gewaltverbrechen unterstützt – sozusagen ein „textiler Fingerabdruck“.

Doch genauso wie Dhavari ist die Zukunft von Dhobi Gat ungewiss. Auf dem Gelände soll ein großer Parkplatz gebaut werden. Erste Planungen liegen schon vor. Dagegen gehen die Wäscher massiv vor. Sie wünschten sich, die Stadt würde sich damit noch Zeit lassen, denn die Tradition bricht langsam ab. Auf der einen Seite übernehmen mittlerweile Automaten die Arbeit der Wäscher, auf der anderen Seite schicken die Dhobis ihre Kinder auf Schulen, damit sie es einmal besser haben werden.

Zurück am Marina Drive führt uns unser Guide zum „Clean Street Food Hub“ einer riesigen Freiluftküche, in der es lecker duftet und an jeder Ecke brodelt und zischt.

Es ist früher Nachmittag und so schlürfen wir fast allein unseren Masala Chai, gleichzeitig kann ich mir gut vorstellen, was hier losgeht, wenn sich die Menschen zum Sonnenuntergang am Meer treffen.

Kräftige Trommelklänge wecken unsere Aufmerksamkeit. Mitten im Strassengetümmel entdecken wir eine Hochzeitsgesellschaft. Zumindest einen Teil davon. Der Bräutigam hoch zu Ross wird von einer Traube von wunderschön geschmückten Mädchen und Frauen aus seiner Familie zum Haus seiner Braut begleitet. Die Hochzeitszeremonie findet in der Regel im Freien unter einem dekorierten Baldachin statt und wird von einem Brahmanenpriester durchgeführt. In Indien weiß man zu feiern: Hinduhochzeiten erstrecken sich schon mal über vier bis fünf Tage. Die Zeremonie unterteilt sich im Wesentlichen in drei Teile: Bräuche, die der Hochzeit vorangehen, die eigentliche Hochzeitszeremonie und Bräuche nach der Hochzeit.

Ehen im Hinduismus haben eine große Bedeutung, denn sie gelten als eine der wichtigsten Aufgaben im Leben eines Menschen. Noch immer werden die meisten Ehen von den Eltern arrangiert. Braut und Bräutigam passen vom Bildungsstand zueinander und gehören der derselben Kaste an. Liebesheiraten sind in Indien noch immer eher die Ausnahme.
Unsere Reiseleiterin hat uns die aktuelle Tageszeitung mit den Kontaktanzeigen mitgebracht. Hier inserieren Eltern, um einen passenden Ehepartner für ihr Kind zu finden. Sie liest uns eine Anzeige vor, in der für eine junge intellektuelle Inderin, die derzeit in Australien studiert, ein Mann gesucht wird. Für mich unvorstellbar, auf der einen Seite lebt sie unabhängig fern der Heimat und auf der anderen Seite ist auch sie noch so sehr den Traditionen verhaftet.
Unsere Reiseleiterin erklärt uns dazu, dass in Indien eine Ehe nicht nur der Zusammenschluss von Mann und Frau ist. Sie ist eine Verbindung zweier Familien mit dem Ziel, die nächste Generation hervor zu bringen. Die Frau zieht nach der Hochzeit zu der Familie ihres Mannes, voller Hoffnung, einen oder mehrere Söhne zur Welt zu bringen. Denn für eine Tochter muss eine teure Mitgift gezahlt werden. Auch wenn diese schon seit 1961 gesetzlich verboten ist, ist sie noch weit verbreitet und führt teilweise zu großen Problemen.

Für heute ist es genügend Input. Ich trollere mich wieder von dannen – schlendere noch einmal durch Mumbai-Fort, am Rathaus vorbei und am Victoria Terminus, sitze ein Weile auf den Stufen der beeindruckenden Bibliothek

schlendere durch den dazugehörigen Park

schaue vom Taj Mahal Hotel auf das beeindruckende Gateway of India

um mich dann beim Sonnenuntergang über dem dunstigen Meer von Mumbai zu verabschieden. Wohl wissend, dass ich nur einen Bruchteil der Stadt kennengelernt habe, doch allein dafür bin ich sehr dankbar.

Und damit endet auch der erste Teil meiner Reise – Zeit für mich, Danke zu sagen an Simone Dressler vom Connoisseur Circle, die mir diese Reise ermöglicht hat und an Scott Crouch, von enchanting Travels , der uns von Delhi bis Mumbai mit seinen guten Indien-Kenntnissen  und mit viel Geduld begleitet hat.

See you soon in Kerala – dem grünen Paradies im Süden Indiens…

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Mumbai – Ist es zu stark, bist du zu schwach…

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Bangalore – oder, wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben

  1. Marita Michels

    Liebe Yvonne, wie immer lebendig, informativ und sehr gut nachvollziehbar, Dein Bericht über Mumbai. Selbst erleben ist halt einfach anders als die Erzählungen anderer.
    Mir hast Du viele Erinnerungen und Gefühle über meine Reise nach Indien wieder hervorgeholt. Danke dafür und noch viele tolle Erlebnisse und Eindrücke.

  2. Was für ein wunderbar einfühlsamer Bericht über eine solch extreme Stadt. Ich habe jede Zeile verschlungen! Bis nach Mumbai habe ich es während meiner letzten Reise nicht geschafft. Doch für das nächste Mal – das es ganz sicher geben wird! – steht die Stadt fest auf der Liste. Ich warte schon gespannt darauf, wie es weitergeht auf deiner Reise. Und auf unseren geplanten Erfahrungsaustausch Ende Januar freue ich mich auch schon. Dir weiter eine gute Zeit!

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