Yvonnes Reisen

What a wonderful world!

Kalkutta – City of Joy, die nicht am Ganges liegt

Vielleicht ziehst du jetzt die Augenbrauen hoch und denkst dir vielleicht, wie ignorant ich sein mag, dass ich Kalkutta als Stadt der Freude bezeichne, wo doch gerade hier das Elend durch die Arbeit von Mutter Teresa die weltweite Aufmerksamkeit auf sich zieht. So hat die Stadt den Ruf eines Armenhauses erhalten, den sie selbst für nicht gerechtfertigt hält. Denn auch hier gibt es zwei Seiten einer Medaille, die ich beide kennenlernen durfte. Darüber später mehr. Auch dazu, wieso Kalkutta nicht am Ganges liegt, wie Vico Torriani 1960 sang und einigen von uns vielleicht noch im Ohr klingen mag. Aber Vico Torriani war ja auch kein Reiseführer. Sondern Koch und Kellner, darin wurde er ausgebildet. Schlagersänger wurde er quasi auf dem zweiten Bildungsweg. Doch nun zurück nach Kalkutta …

Der Morgen beginnt sehr früh für mich. Meine Maschine aus Bangalore landet gegen 8 Uhr auf dem Flughafen in Kalkutta. Die nächsten 18 Tage folge ich dem Lauf des heiligen Flusses Ganges. Indien intensiv – das Programm der Gruppenreise mit „Neue Wege“ ist gleichzeitig vielversprechend und vollgepackt. Zu zehnt werden wir gemeinsam mit unserer Reiseleiterin von Kalkutta über Bodhgaya, dem bedeutendsten Zentrum der Buddhisten, nach Varanasi, der heiligsten Stadt Indiens und Rishikesh, der Stadt des Yogas, reisen.

Die anderen Teilnehmer unserer Reisegruppe sind etwas vor mir über das Drehkreuz Dubai angekommen und warten auf mich. Es dauert gefühlte Ewigkeiten bis mein Koffer vom Band rollt. Ich stelle fest, dass ich ganz schön aufgeregt bin. Immerhin ist es über 20 Jahre her, dass ich das letzte Mal mit einer Reisegruppe unterwegs war. Wie wird es mir dabei gehen? War es die richtige Entscheidung? Wen werde ich gleich kennenlernen? Kaum hatte ich den Gedanken zu Ende gedacht stehe ich auch schon bei der Gruppe. Noch sind wir uns alle fremd, eine bunte Gruppe. Neben mir gibt es noch drei Einzelreisende, die anderen haben jemand dabei, den sie schon kennen. Ein wenig beneide ich diese und merke, dass ich langsam müde werde, allein zu reisen.

Mit Leonor, unserer Reiseleiterin, komme ich auf der Busfahrt ins Zentrum ins Gespräch. Die gebürtige Spanierin, die lange in Deutschland war, lebt nun schon seit über 25 Jahren in einem Ashram im Himalaya. Dreimal im Jahr begleitet sie die Reise entlang des Ganges, die nun vor uns liegt. Ihre warmen verständnisvollen Augen, die manchmal voller Schalk blitzen, ruhen auf mir, als sie mich fragt: „Und – liebst du Indien?“ Ohne dass ich darüber nachdenke, antworte ich mit „Ja – erstaunlicherweise – Ja“. Sie lächelt mich an: „Dich hat es also gepackt“ und ergänzt den Satz, der mich nie wieder loslassen wird „In Indien schlägt das Herz der Welt“. Schöner kann man es nicht ausdrücken, man kann es nur fühlen, nicht beschreiben.

Nach dem Frühstück in unserem Hotel, die Zimmer können wir erst am Mittag beziehen, schlendern wir über den Neuen Markt. Der Name ist etwas irreführend, denn der Markt hier mitten im Zentrum ist 145 Jahre alt. In unzähligen Gassen gibt es mehr als 2000 Geschäfte und man sagt, hier gibt es alles – von der Nähnadel bis zum Elefanten. Letzeren sehen wir zwar nicht, doch auch ohne ihn spüren wir das Pulsieren dieses Mikrokosmos.

Und irgendwie ist es auch eine Zeitreise, nicht zuletzt als wir die alten Männer mit ihren Laufrikschas entdecken.  Sie ziehen einen Wagen, auf dem man von hoch oben die Strasse betrachten kann. In Indien seit Jahren verboten, weigert sich Kalkutta, den noch verbliebenen Laufrikscha-Besitzern die Lizenz und damit ihr Einkommen zu entziehen. Mein Schamgefühl verbietet mir, mich kolonial durch die Gassen ziehen zu lassen, auch wenn ich weiß, dass jede Tour dem Fahrer (oder sollte ich eher Läufer schreiben?) ein Stück sein Leben finanziert.

Nach einer kurzen Pause, in der wir unsere Zimmer beziehen, beginnt unsere Tour mit dem Bus durch die Stadt. Was wir zuerst über die Stadt lernen ist, flexibel zu sein. Die Straßen sind megaverstopft. Der Weg zu dem Indian Coffee House, das wir besuchen wollten, ist gesperrt. Tausende von Demonstranten gehen gegen die Vorlage von Premierminster Modi für ein neues Einbürgerungsgesetz auf die Straße. Im Stau stehend ist ein guter Zeitpunkt, sich etwas mehr über die Stadt zu informieren:

Einst die Parade-Hauptstadt der britischen Herrscher säumen auch heute noch viele koloniale Bauten den Straßenrand.

Heute ist sie die Hauptstadt des indischen Bundesstaates Westbengalens. Offiziell leben 15 Millionen Menschen hier, die Dunkelziffer liegt deutlich höher. Mehr als zwei Drittel der Menschen leben in Armut. Trotzdem nennen die Einwohner Kalkuttas sie liebevoll „City of Joy“, dass das positive Lebensgefühl der Menschen zum Ausdruck bringt. Denn sie ist eben viel mehr als ein Armenhaus. Sie steht auch für die kulturelle Vielfalt des Landes. Hier gibt es mit rund 9 Millionen Büchern die größte Bibliothek des Landes, die Universität Kalkuttas ist hoch anerkannt. Eine Vielzahl von Theatern und Museen bereichern die Stadt. Rabindranath Tagore, Literaturnobelpreisträger und verehrter Poet ist ein Sohn dieser Stadt. Außerdem ist Kalkutta die Hauptstadt des indischen Autorenfilms, weit entfernt vom kitschig anmutendem Bollywood. Nach Bangalore, der Stadt, die für mich keine Seele hat, spüre ich hier einen ganz anderen Pulsschlag, kann ich das Hupen, das Verkehrsgewimmel und die Menschenmengen viel besser annehmen und einfach mitfließen.

Unsere Planänderung bringt uns zum Pareshnath Jain Tempel. 1867 erbaut ist es eine Oase in der quirligen Stadt. Der Garten ist wundervoll und der reine Marmor im Inneren des Tempels (in dem fotografieren verboten ist), lässt uns in eine Welt des Idealen, des Reinen eintauchen. Denn das ist der Glauben der 4 bis 8 Millionen Jain, die vorwiegend in Indien zu finden sind.

Bei ihnen gibt es keinen Schöpfergott und sie verstehen sich nicht als Religion, eher als eine Lebensform. Sie glauben an eine immerwährende Ordnung der Welt und verehren Menschen, die ihnen Vorbilder sind. Richtiges Verhalten ist neben Glauben und Wissen einer der „drei Edelsteine“ des Jain-Weges. Sie stehen ein für Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit und Treue. Jains sollten laut ihrem Codex so wenig wie möglich Besitztümer haben, was zu einem ausgeprägten Sozial- und Stiftungswesen führt.

Die Gewaltlosigkeit beinhaltet bei ihnen die Fürsorge für das gesamte Universum, nicht nur für den Menschen. So leben sie nicht nur vegan, sondern achten auch darauf, Tiere nicht unabsichtlich zu verletzen. Ganz strenge Jain tragen deshalb ein Tuch vor dem Mund, um keine Insekten einzuatmen und zu verschlucken. Auch das Kehren mit einem Besen auf dem eigenen Weg soll das unabsichtliche Zertreten von Kleinlebewesen verhindern.

Gleichzeitig sind die Jain eine erfolgreiche Minderheit in Indien, neben den Parsi die vielleicht erfolgreichste. Überproportional oft findet man sie in angesehenen Berufen, was sicher auch darin begründet ist, dass ihnen Bildung sehr wichtig ist. Fast alle Jain sind alphabetisiert, während der Schnitt in Indien bei 70% liegt.

Zum Abendessen sind wir wieder zurück am Neuen Markt.

Leonor führt uns in ein kleines Lokal, in dem es sagenhaft leckeres Essen gibt, es viel Spaß macht zuzusehen, wie der Kellner seine Bestellungen in die Küche brüllt und wir darauf warten, dass es dem Koch zu bunt wird und er die Schiebetür der Durchreiche, durch die der Kellner seinen Kopf steckt, als Guillotine benutzt. Was er natürlich nicht tut. Das ist nicht nur gut für den Kellner, sondern auch für uns, denn dies wird in den nächsten Tagen unser Stammlokal werden.

Den Abend abschließen möchte ich im Fairlawn-Hotel, einem absoluten Klassiker.

Ich freue mich, dass mich Elke und Alice aus unserer Gruppe begleiten. So spüren wir gemeinsam -im Gartenrestaurant stilvoll unseren Tee trinkend – die Geschichte jener Tage, als britische Ladys schon 1786 wohl das gleiche Getränk hier zu sich nahmen.

 

Im nächsten Artikel erfährst du u.a.:

  • Wieso Kalkutta nicht am Ganges liegt
  • Was es mit der Göttin Kali auf sich hat
  • Welche Kunstwerke aus Flusschlamm entstehen können
  • Und wo es den größten Büchermarkt Indiens gibt

 

Sei gespannt!

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Bangalore oder was ich über Palmblattbibliotheken gelernt habe

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Zwischen Stille und Lärm in Kalkutta – Tag 2

  1. Der Jain-Tempel ist unfassbar schön! Und deine Aufnahmen aus den Gassen der Stadt und dem Marktviertel sind toll. Sie bringen die Atmosphäre sehr gut rüber. Erwähnte ich es schon? Da muss ich dann wohl auch mal hin.

    • Yvonne

      Ich danke dir, liebe Elke. Genau diese schönen Kommentare inspirieren mich, weiterzumachen, zu schreiben, zu fotografieren und zu gestalten. Ich danke dir von Herzen

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