Yvonnes Reisen

What a wonderful world!

Sechs Tage ohne … oder „Nur in der Stille offenbart sich das Neue“

Dankbar greife ich die Anregung eines Freundes auf, nach all den spannenden, bereichernden und gleichzeitig auch fordernden Erfahrungen, die mein Ausbildungsjahr mit sich bringen, mir eine kleine Auszeit zu nehmen, um wieder mehr in meine innere Mitte zurückzukehren. Er empfiehlt mir den Benediktushof in der Nähe von Würzburg und nach einem Blick in das umfangreiche Seminarprogramm entscheide ich mich recht spontan für den Kontemplations-Einführungskurs. Noch habe ich nicht so wirklich eine Idee, was sich dahinter konkret verbirgt. Klar ist, dass der Kurs im Schweigen stattfinden wird und es auch die Empfehlung gibt, auf Handy und Internet zu verzichten. „Kalter Elektronikentzug“ – Im Augenblick für mich kaum vorstellbar.

Wie immer viel zu spät losgefahren, übe ich mich auf der Autobahn in Multitasking – das Baguette aus der Tüte balancieren, ein Hörbuch aus meiner Bibliothek auswählen, schnell noch eine email auf dem Smartphone beantworten und das alles auf der Überholspur. Das Seminar kommt wohl tatsächlich zum genau richtigen Zeitpunkt.

Noch bevor ich den Benediktushof erreiche, fällt mein Blick schon von weitem auf die beeindruckende Rundkirche, die in ihrer Schönheit einlädt, das Gelände des ehemaligen Benediktinerklosters aus dem 8. Jahrhundert zu betreten.

Nach einer sehr wechselvollen Geschichte als Kloster, Gutshof und zuletzt als Hotelbetrieb ist hier 2003 ein Meditations-und Achtsamkeitszentrum der ganz besonderen Art entstanden. Denn sein Gründer, Williges Jäger, schlägt hier den spannenden Bogen zwischen den östlichen und westlichen Meditationsformen, zwischen christlicher Mystik und buddhistischen ZEN.

Schon bei meiner Ankunft spüre ich die Energie, die von diesem Ort ausgeht und die direkt meinen Körper und Geist entspannt.

In einem der ehemaligen Klostergebäude befindet sich mein Zimmer – spartanisch schön: keine Bilder an den Wänden, kein Fernseher, kein handy-Empfang lenken von der Stille ab.

Schnell die Tasche abgestellt und den Weg in den Speisesaal gesucht. Der Einführungskurs startet 18 Uhr mit dem Abendessen. Jeder Teilnehmer steht schweigend hinter seinem Stuhl. Gesetzt wird sich erst, wenn alle da sind und wir uns nach einem Glockenschlag vor unserem Platz verneigt haben. Diese Form von Ritualen wird uns die nächsten Tage begleiten und gibt dem Ganzen den Rahmen.

Zu jeweils zehnt sitzen wir an den Tischen. Neben unserem Kurs füllen noch Teilnehmer aus weiteren Seminaren den Saal. Schweigend reichen wir uns die Speisen zu, versuchen nicht mit dem Besteck zu klappern. Das Herabfallen eines Löffels zerreißt klirrend die Stille. Meine Gedanken überschlagen sich, haben Schallgeschwindigkeit angenommen – fast so, als ob mir auch gleich verboten werden wird, zu denken. Was für eine aberwitzige Idee.

Später treffen wir uns zur Einführung in unserem kleinen Meditationsraum in einem der Nebengebäude. Durch das geöffnete Fenster höre ich einen kleinen Bach fließen. Auf dem Boden liegen Matten und Sitzkissen. Jeder von uns zehn Teilnehmern sucht nach dem für sich passenden Sitz – ob im Lotus, im Fersensitz oder auf einem kleinen Bänkchen. Wichtig ist, dass der Körper sich dabei entspannen kann, denn wir werden jeden Tag einige Stunden mit „einfach sitzen“ verbringen. Und auch wenn es enttäuschend klingen mag, doch die Erleuchtung hängt nicht davon ab, wer den Lotussitz besonders gut beherrscht.

Niemand muss hier sagen, wer er ist und was er macht. Schweigend hören wir einfach Franz Nikolaus Müller, unserem Lehrer für die kommenden Tage, zu, wie er Kontemplation beschreibt: „Es ist ein behutsames Einüben in die Gegenwärtigkeit des Lebens, das sich immer im Augenblick ereignet“. Und was das genau ist, probieren wir direkt danach aus: einfach sitzen, den Blick auf den Boden gerichtet, nur den Atem beobachten. Das hört sich total einfach an, erweist sich für mich allerdings fast als unmöglich. Immer wieder kommen Gedanken auf, verselbständigen sich zu einer Story und bringen mich von der Konzentration auf meinen Atem ab – ob das Gedankenkarussell bis zum Ende des Kurses tatsächlich zur Ruhe kommen wird?

Nach 25 Minuten schlägt unser Lehrer zwei Holzklötze aufeinander. Wir verneigen uns, stehen auf und gehen für die nächsten Minuten im Kreis – fast schon Erholung nach dem ungewohnten Sitzen und auch hier jeder bei sich selbst und im Augenblick seiend. Eine zweite Runde folgt, dann die Abendzeremonie bei der wohltönend der große Gong geschlagen wird, bevor wir in die Nacht entlassen werden.

Am nächsten Morgen ist es noch dunkel, als 5:45 Uhr unser Tag beginnt. Als erstes steht „schnelles Gehen“ auf dem Programm, um Körper und Geist zu wecken. Schweigend umkreisen wir alle den Brunnen des Innenhofes – Runde um Runde, fast gespenstisch fühlt sich das an und tut doch gut.

Eine halbe Stunde später sitzen wir schon wieder auf unseren Kissen und beginnen den Tag mit tönen. Der ganze Körper vibriert, als wir „Shalom“ und „Salam“ intonieren. Es ist kein Gesang und doch entwickelt sich eine Form von Melodie, wenn sieben Frauen und drei Männer in ihrer jeweiligen Stimmlage und in der eigenen Geschwindigkeit den Frieden tönen.

Zwei Runden Sitzen, zwei Runden langsames Gehen, dann folgt das Frühstück in der Stille. Fast schon Routine.

Als weiteren Bestandteil der Achtsamkeit beteiligt man sich im Benediktushof jeden Tag nach dem Frühstück eine Stunde an der Haus- und Gartenarbeit. Jeder Teilnehmer bekommt eine Aufgabe und so wischen und putzen wir still durch die Gänge, die Gemeinschaftsbäder und die Räume. Ich habe mich für die kleine Kapelle eingetragen und wische fast liebevoll Staub in diesem schlichten und schönen Raum.

Nach der nächsten „Sitz“-Einheit steht ein Vortrag unseres Lehrers auf dem Programm. Er spricht über die Schriften der Mystiker, über Spiritualität und über die Aufgabe der Religionen, „die Menschen zu ihrem inneren Wesen zu führen“. Vieles davon regt zum Nachdenken an und so bin ich froh, dass danach „Gehen in der Natur“ auf dem Plan steht.

Mich zieht es in den ZEN-Garten, den ich bereits für mich entdeckt habe. Sein Name ist auch „Garten der verborgenen Quelle“ und symbolisiert durch die geharkten weißen Kieselsteine den Lauf des Lebens von der verborgenen Quelle bis hin zur Mündung in den großen Ozean.

Auf den Blättern des japanischen Ahorns glitzern Tautropfen. Wie gern würde ich dies jetzt fotografieren und gleichzeitig würde die Konzentration auf den Bildausschnitt den Moment zerstören. Habe ich tatsächlich schon das Wesen des Augenblicks verinnerlicht?

So vergehen die Stunden und Tage bis Sonntag Mittag. Wir üben uns im Sitzen, Schweigen, bei uns sein. Überrascht erlebe ich, wie gut es mir mit der Stille und auch mit dem Elektronikentzug geht. Wenn meine Zeit mit dem Ende des Seminars hier jetzt zu Ende gegangen wäre, würde ich sehr ruhig, in meiner inneren Mitte, mit guten Vorsätzen für Achtsamkeit im Alltag nach Hause fahren….

Stattdessen hänge ich noch drei Tage „Einführung in den ZEN“ dran.

Zunächst endet unser Kontemplations-Kurs mit dem Mittagessen. Ab jetzt darf gesprochen werden. Obwohl wir bisher fast ausschließlich schweigend zusammen gesessen haben, hat sich doch eine angenehme Gemeinschaft in der Gruppe gebildet. Absolut spannend, wozu nonverbale Kommunikation in der Lage ist. So verabschieden wir uns herzlich voneinander – acht aus unserer Gruppe fahren heim. Neben mir bleibt ein weiterer Teilnehmer ebenfalls zum ZEN-Kurs hier.

Wir beide nutzen die Freizeit zwischen den beiden Seminaren zu einem ausgiebigen Spaziergang durch die herrliche Umgebung und einen intensiven Austausch,

zur Fotosession und auch einmal zum Nachrichten abrufen.

Dann ist es auch schon wieder 18 Uhr und wir „alte Hasen“ kennen das Ritual ja nun schon und sind doch überrascht. Nach unserer kleinen 10-Mann-Gruppe belegen wir nun mit den ZEN-Teilnehmern insgesamt fünf Tische im Speisesaal. 50 Teilnehmer haben sich entschlossen, das Seminar des ZEN-Meisters Alexander Poroj zu besuchen.

Die Einführung findet im großen ZENDO, dem ehemaligen Kreuzgang und heutigem Meditationsraum statt. An den Wänden befinden sich japanische Holzbänke, auf denen die Sitzkissen liegen. Der Raum hat eine unglaubliche Atmosphäre, die noch verstärkt wird, als ihn unser charismatischer Lehrer betritt. Er hält sich nicht lang bei der Vorrede auf, kommt schnell zum Punkt . „Zen ist das Sein in der Gegenwart“ so erläutert er und auch, dass wir das niemals sind. Entweder beschäftigen wir uns mit der Gegenwart oder wir denken an die Zukunft. „Beim ZEN geht es um das Verweilen im Hier und Jetzt“ Dazu sitzen wir nun wieder in der Stille und üben das schier unmögliche.

Am nächsten Abend haben wir Gelegenheit zu einer Frage- und Antwortrunde mit ihm. Auf seine These: „Nicht das ICH denkt die Gedanken, sondern durch die Gedanken entsteht das ICH“ erwidere ich: „Dann könnte ich mich ja jeden Tag neu erfinden“. Lächelnd antwortet er „Das kannst du jeden Augenblick“ und eröffnet mir damit einen völlig neuen Horizont.

Er wirbt für „pure Präsenz“ mit der Vorstellung, welche Energien freigesetzt würden, wenn wir im Umgang miteinander tatsächlich auch anwesend wären. Wie schwer das ist, erkenne ich einmal mehr in der nächsten „Sitzrunde“, als in meinem Kopf aus einem Gedanken wieder ein ganzer Film wird. Und auch dazu hat unser Lehrer einen interessanten Ansatz: „Es ist nicht schlimm, dass wir die Filme im Kopf haben, wir müssen uns nur bewußt sein, dass es Filme sind.“ Das unterstützt die These, die ich aus meiner meiner Coachingausbildung mitgenommen habe „Es gibt keine Wahrheit, sondern nur Wirklichkeitskonstruktionen“.

Das Ziel von Alexander Poroj ist es, uns aus unserer Komfortzone zu locken, gegenwärtig zu werden, „denn Alltag ohne Gegenwart gibt es nicht“.

„Es gibt nur zwei Tage im Leben, an denen du nicht verändern kannst. Der eine ist gestern und der andere morgen“ so sagt es der Dalai Lama. Wie lange es wohl dauern wird, bis dies mein Bewußtsein wirklich erreicht hat?

„Der ist recht frei, der mitten im Leben steht“ (Martin Luther)

Am nächsten Morgen holt meine Schwester mich am Glöcknerstift ab. Die beiden letzten Etappen werden wir gemeinsam laufen. Noch ist es still in der Stadt und nach einem kleinen Frühstück zieht es uns zunächst in die Sonderausstellung „Luther! 95 Schätze – 95 Menschen“, die im Augusteum gezeigt wird.

Im ersten Teil des Ausstellung begleitet uns der Audioguide auf den Lebensweg von Martin Luther. Er berichtet anhand von 95 Schätzen aus Luthers Umfeld über seinen Weg in die Welt und zur Reformation. Wir kommen dem Menschen Martin Luther sehr nah und erleben seine Entwicklung vom Mönch zum Reformator.

Der zweite Teil der Nationalen Sonderausstellung stellt 95 Menschen mit ihrer jeweiligen persönlichen Beziehung zu Martin Luther und seinem Werk vor. „Er wurde bekämpft und bewundert. Er hat inspiriert und provoziert, er hat berührt und abgestoßen – nur kalt gelassen hat er niemanden.“ – so heißt es in der Ausstellung und trifft es sehr genau. Persönlichkeiten vom 16. bis 21. Jahrhundert kommen zu Wort und von Zeit zu Zeit läuft mir eine Gänsehaut über den Rücken, wie aktuell der Bezug zu dem Reformator noch heute ist.

Schnell sind zwei Stunden vergangen und es wird Zeit, uns auf den Weg zu machen. In der Stadtkirche zünden wir noch Kerzen für unsere Lieben an und dann geht es auch schon los.

Auf den nahegelegenen Elbwiesen treffen wir ein Paar, das auf dem Jakobsweg von Mittelfranken nach Berlin wandert, sozusagen in die entgegengesetzte Richtung. An ihrem Rucksack baumeln ein paar Mini-Schuhe, denn die beiden wollen ihre Enkelin in Berlin besuchen und machen heute ebenso wie ich gestern Station im Glöcknerstift. Auf meine Bemerkung, dass sie die ersten Pilger sind, die mir bisher auf meinen Weg begegnen, antworten sie, dass auch ich erst die Zweite auf der langen Distanz bin, die sie pilgernd treffen. Nur ein Paar aus Hamburg ist ihnen bisher in Nürnberg entgegengekommen – das nun wieder sind Freunde von mir, die kürzlich von Leipzig nach Nürnberg gewandert sind – verrückte Welt.

Wir steigen die Stufen zur vielbefahrenen Elbbrücke empor und überqueren den Fluß.

Froh, nach einer ganzen Weile die lautstarke Bundesstrasse wieder verlassen zu dürfen, biegen wir ab in den kleinen Ort Kienberge und bleiben staunend auf der Dorfstraße stehen, denn vor uns eröffnet sich der Blick auf eine Outdoor-Modelleisenbahn.

Liebevoll dekoriert ist diese im Großformat direkt an einer Hauswand montiert. Es gibt einen Bahnhof, Häuser, Autos, Menschen, Flugzeuge – auf jedes kleine Details wurde geachtet. Und plötzlich – wir sind schon fast daran vorbei – setzt sich die ganze Szenerie in Bewegung:  Züge fahren,  Flugzeuge kreisen über den Schienen. Der Mann, der dem Modell  Leben eingehaucht hat, erscheint am Fenster und grüßt uns freundlich. Vor zwei Jahre schon – so berichtet er – hat er das Modell aufgebaut, das jeder Jahreszeit trotzt und an dem sich glücklicherweise auch noch kein Dieb vergriffen hat. Fröhlich winkt er uns nach und wünscht uns einen guten Weg.

Das nächste Highlight unserer Wanderung ist der Bergwitzsee, den wir einige Zeit später erreichen. Einstmals wurde hier Braunkohle abgebaut, bis der Tagebau bereits 1955 nach seiner Stilllegung geflutet wurde. Idyllisch liegt er vor uns. Nur die bewirtschaftete Seeterrasse, die wir uns in unseren Träumen ausgemalt haben, um uns bei einer kühlen Apfelschorle zu erholen, die finden wir hier leider nicht.

Die letzten Kilometer strecken sich trotz der schönen Landschaft sehr. Kurz vor der Zielgerade können wir ein Verlaufen gerade noch verhindern und kommen am Abend im Heidehotel Lubast an. Nach einer erfrischenden Dusche stärken wir uns im Biergarten des Hauses und fallen bald darauf in den wohlverdienten Schlaf.

Am nächsten Morgen brechen wir zur zunächst letzten Etappe unserer Tour auf, die uns geradewegs durch die Dübener Heide führt.

Auch hier treffen wir noch einmal auf den Reformator – schließlich ist dies nicht nur der Jakobs- sondern auch der Lutherweg – und verweilen kurz an dem witzigen Sitzmöbel mit einem Zitat von Luther: „Das ist das Allergrößte, wenn ich des Nächsten Schwachheit ertragen kann“.

Wunderschön ist es in dem Wald, wir genießen den Schatten der Bäume, freuen uns über die Sonnenstrahlen, die hier und da durchblitzen und an den bunten Schmetterlingen, die uns auf unserem Weg begleiten. Am Wegesrand wachsen Dutzende von Pilzen, die wir allesamt stehen lassen, denn unser Pilzkenner, dem wir regelmäßig Fotos von unser Beute senden, warnt uns dringend mit einem „Tödlich“ davor.

Von Zeit zu Zeit wünschen wir uns einen Rastplatz, um den Rucksack einmal absetzen zu können und die Beine zu entlasten. Doch die sind hier eher rar gesät. Das bringt uns zu Tagträumereien, zu Bänken, die wir stiften wollen oder noch besser zu aufblasbaren Stühlen, die Wanderer in ihren Rucksäcke mit sich tragen könnten – vielleicht tatsächlich noch eine Marktlücke 🙂

Am Nachmittag kommen wir in Bad Düben an – gönnen uns auf dem Markt ein großes Eis und freuen uns wenig später über unseren Shuttleservice zurück nach Hause. Leider reicht die Zeit nicht, die letzten 40 Kilometer nach Leipzig zu laufen – doch aufgeschoben, ist nicht aufgehoben …

Alles Liebe – und bis hoffentlich bald …

 

 

 

Verändern wir die Welt oder verändert die Welt uns?

Ein emsiges Treiben vor meinem Schäferwagen weckt mich zeitig. Das ist auch gut so, denn mit über 40 Kilometern werde ich heute die Königsetappe des Weges bewältigen. Doch zunächst serviert uns unser Pensionswirt sehr liebevoll unser Frühstück im Freien. Ich bekomme noch gratis die Geschichte dazu, warum „Treuenbritzen die Stadt ohne Männer“ war und meine Schäferwagen-Nachbarn, die das Sabinchen noch nicht kennen, erhalten die Moritat via YouTube zum Frühstück serviert.

Der Pilgerstempel von Herrn Höhne ist noch nagelneu und tatsächlich erhalte ich den allerersten Abdruck in meinen Pilgerausweis. Wir verabschieden uns herzlich und schon geht es wieder weiter.

Durch Treuenbrietzen hindurch suche ich vergeblich einen See, an dessen Rand ein Stück des Weges verlaufen soll und bleibe ratlos stehen. Glücklicherweise hält ein Autofahrer an und verweist auf die hohe Böschung, hinter der der See verborgen liegt.

Die Wege führen an ausgedehnten Sonnenblumen- und Kornfeldern entlang.

Ich erreiche die Grenze vom Hohen in den Niederen Fläming. Die Landschaft verändert sich, weite Heidefelder liegen vor mir und der Boden ist so sandig, dass das Laufen schwer fällt.

Ich hänge meinen Gedanken nach und verweile bei einem Auszug aus Julia Camerons „Weg des Künstlers“

„Wir klagen gerne darüber, wie schwer es ist, Herzensträume zu verwirklichen. In Wahrheit ist es aber viel schwerer, nicht durch die Türen zu gehen, die sich reihenweise öffnen, sobald wir uns der Verwirklichung unseres Traums verschreiben. Weisen Sie Ihren Traum zurück, und er wird Sie verfolgen. Lassen Sie ihn zu, und es werden sich auf mysteriöse Weise Türen öffnen. Das Universum ist verschwenderisch in seiner Unterstützung. Wir aber tun uns schwer, etwas anzunehmen. Geschenkten Gäulen schauen wir ins Maul und schicken sie zurück an den Absender. Wir behaupten, Angst vor dem Versagen zu haben, viel mehr jedoch erschreckt uns ein möglicher Erfolg.“

Einer meiner Herzensträume ist meine Weltreise, die ich gedanklich schon so lange plane und doch noch immer damit zaudere. Eine liebe Freundin nennt mich „Wege-Wagerin“ und das trifft es auch irgendwie und trotzdem spüre ich noch ein letztes Zögern, mein World-around-ticket zu buchen. Dabei hat mir das Universum schon so viele positive Signale dazu geschickt. Bin ich wirklich dabei, das Geschenk, dass das Universum mir machen möchte, zurückzuweisen?

Ich erreiche Dietersdorf, amüsiere mich köstlich über die Milchtankstelle im Dorf und gönne mir eine Rast am Lutherbrunnen. Bei einem Kirchenbesuch 1530 soll Martin Luther selbst aus der Quelle getrunken haben und so stimme ich mich langsam auf die Begegnung mit seinem Erbe in Wittenberg ein.

Es geht von Ort zu Ort, der Weg zieht sich. In Marzahna gönne ich mir ein Eis in dem kleinen Garten eines Cafés. zwei Dörfer weiter erreiche ich die Grenze zu Sachsen Anhalt. Das Wasserschloss Kropstädt, auf das ich mich den ganzen Tag schon freue, ist verlassen. Ein Spaziergänger berichtet, dass das Hotel seit Jahresbeginn verkauft und seither geschlossen ist – also keine Apfelschorle auf der Schlossterrasse.

Es ist heiß, die Füße brennen und ich möchte mir gern noch Energie für meinen Abend in Wittenberg aufheben. So beschließe ich ganz pragmatisch, die letzten Kilometer bis Wittenberg mit dem Bus zu fahren.

Am Bahnhof in Wittenberg angekommen werde ich schon von weitem mit Teilen der weitläufigen Freiuft-Weltaustellung zur Reformation begrüßt.

Sieben Torräume umfaßt die Ausstellung und hier am Torraum Welcome steht die größte Bibel der Welt – ein 27 Meter hoher Aussichtsturm, der einen außergewöhnlichen Blick über die Stadt bietet.  Auf der Rückseite des Turms ist der vollständige Bibeltext auf rund 1400 Einzelseiten zu sehen.

Den Weg vom Hauptbahnhof in die Innenstadt säumt ein Weg aus 67 Bannern. Ein Reformationstruck ist bis zum Start der Weltausstellung sieben Monate lang durch 19 europäische Länder gefahren und hat Stimmen zur Reformation eingefangen.  An einem Spruch von Philipp Melanchthon bleibe ich hängen: „Dialog – Disput – Erneuerung. Wir sind zum wechselseitigen Gespräch geboren“  Und genau dazu hätte ich jetzt ganz viel Lust – Austausch über das, was ich gerade erlebe und gleichzeitig auch Austausch über das Motto der Ausstellung „Verändern wir die Welt – oder verändert die Welt uns“ und all dem, was mir dazu durch den Kopf geht.

Doch noch bin ich allein unterwegs und so speichere ich meine Gedanken und begebe mich zielgerichtet zur Herberge im Glöcknerstift. Hier sind Pilger gern gesehene Gäste und ich erhalte neben meinem Zimmerschlüssel noch viele wertvolle Tipps für Wittenberg und die Ausstellung.

Schnell unter die Dusche und dann wieder mitten hinein in die Ausstellung. Zunächst zieht es mich zum Torraum Spiritualität. Auf dem Bunkerberg, ein grün überwucherter Hügel befindet sich eine Installation aus Stegen, die nahezu freischwebend, nur auf Stützen befestigt, durch die Luft führen. In spiegelnden Brüstungen finde ich mich mehrfach wieder. „Die Suche nach mir selbst“ nannten die Gestalter ihren Entwurf – den Bogen zur Spiritualität schlage ich heute Abend hier für mich nicht. Doch der Wunsch nach Rückkehr an diesen Ort ist bereits geboren.

Ich laufe durch die so lebendige Stadt, bleibe überall ein wenig hängen, freue mich schon jetzt auf die Refomationsausstellung, die ich mir  morgen ansehen werde und verweile an den hochglänzenden Stelen amTorraum Kultur.

Soviel Eindrücke machen hungrig und ich folge dem Tipp von Michael aus dem Glöcknerstift, der mir das russische Restaurant „Smack“ ans Herz gelegt hat. Hier auf der Dachterrasse mit Blick auf den Schwanenteich läßt es sich herrlich sitzen und kulinarisch mit Pelmeni verwöhnen.

Auch hier finde ich einen der Torräume: Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Die Boote der Flüchtlinge auf dem Schwanenteich regen zum Nachdenken an. Die Themenwoche steht unter dem Motto „Eine Welt“ – „Sind wir nur geografisch eine Welt? Das Zusammenspiel von weltweiter Vernetzung erkunden und Entwicklungen entdecken, durch die das Leben blüht. Hinterfragen, was Glaubens- und Wirtschaftsströme miteinander zu tun haben, oder religiöse Identitäten mit Konflikten und Ressourcen mit Spiritualität.“ Zu groß scheint mir das Thema, um die Fragen heute noch für mich beantworten zu können. Fest steht, nach Wittenberg kehre ich auf jeden Fall in den nächsten Wochen noch einmal zurück.

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Sabinchen war ein Frauenzimmer …

Am frühen Morgen verlasse ich Beelitz und freue mich als Stadtkind über die Störche, die ich überall entdecke.

Die Bedeutung des imposanten Vogels nachgeschlagen, stosse ich auf „Er verkörpert auch das Symbol des Reisens, des Weiterziehens und Loslassen des Alten, sowie das immer wieder Aufbrechen zu neuen Ufern.“ Na kein Wunder, dass ich mich so zu den Störchen hingezogen fühle.

Ich durchwandere kleine Ortschaften, die still in der Sonne liegen und fast wie schlafend wirken. Was sie wohl zum Leben wecken mag? Meine Füße jammern ein wenig ob des vielen Kopfsteinpflasters und auch ich schüttle mittlerweile den Kopf über die vielen Biegungen rechts und links der B2, die die Via Imperii und damit der Jakobsweg hier gemacht haben sollen. Und nachdem mich der Wanderführer wieder einen richtig großen Bogen schlagen lassen will, meutere ich und biege in den Wald ab. Die grobe Richtung ist klar, der Rest wird sich finden. Schnell gibt es keine Wege mehr, dafür auch hier die kerzengeraden Fichten, die mir viel Platz machen.

Kleine Mücken begleiten mich, dünnen Spinnenfäden streifen mich am Arm. Ich genieße die Stille des Waldes und gleichzeitig blitzen auch Gedanken auf, wieviel Autonomie und Selbstbestimmtheit tatsächlich gut für mich ist. Ich wünsche mir beim Universum für meine Rast eine Bank auf einer Lichtung, doch bleibe ungehört. Das grüne saftige Moos zieht mich magisch an und ich überlege, wie weich es sich wohl darauf sitzen läßt. Schnell ziehe ich mein Handtuch aus dem Rucksack, breite es aus, lasse mich nieder … und verstehe, warum das Moos so grün und saftig aussieht. Denn natürlich ist es voll Wasser gezogen und meine Rückseite nun klitschnass. Ich lache einmal mehr herzlich über mich selbst und genieße trotzdem den meditativen Moment an diesem Ort.

Der Weg durch den Wald, obwohl sehr idyllisch, zieht sich. Tatsächlich treffe ich dann wieder auf das Muschelsymbol. dem ich folge ohne darüber nachzudenken, wo sich denn meine Unterkunft heute befindet. Und tatsächlich ist die Pension „Bertha“ etwas ausserhalb von Treuenbrietzen, meinem heutigen Tagesziel, und liegt schon hinter mir… Doch alle Strapazen sind vergessen, als ich In der Berliner Siedlung auf meinen Pensionswirt treffe.

Herzlich begrüßt er mich und zeigt mir mein Domizil – der Schäferwagen „Anna“ wartet schon auf mich. Drei Wagen stehen nebeneinander – Rainer Höhne, der Inhaber – nennt sie liebevoll sein „Sommercamp“ und berichtet voller Stolz von der Jakobusgesellschaft aus Berlin, die erst in der letzten Woche hier genächtigt haben und von dem Spaß, den die Jakobusgesellschaft aus dem Saarland hier hatte.

Ich beziehe meinen kleinen Wagen und freue mich über flauschige Handtücher und den Fön, den ich in der separaten Dusche vorfinde. Bald schon bin ich wieder fit und nehme das Angebot an, mich mit dem „Sabinchen-Express“ ins zwei Kilometer entfernte Treuenbrietzen fahren zu lassen. Wir steigen in seinen Kleinbus und Herr Höhne erzählt mir, wie er auf die Idee mit den Schäferwagen gekommen ist, dass diese in einer Chemnitzer Firma nach seinen Vorstellungen gebaut werden und dass er gerade überlegt, einen kleineren Wagen bauen zu lassen, mit dem er auf der Grünen Woche in Berlin am Stand von Treuenbrietzen werben kann

Auch die Stadtgeschichte kommt in seinen Erzählungen nicht zu kurz – denn hier in Treuenbrietzen dreht sich alles um „Sabinchen“ eine junge Dienstmagd, die sich mit einem Schuster einließ, der aus Treuenbritzen kam …
Dieser Volkslied von 1849 hat den Ort weithin als „Sabinchenstadt“ bekanntgemacht und tatsächlich finden hier jeden Juni die „Sabinchenfestspiele“ statt – Geschichte zum anfassen.


Die Geschichte, warum Treuenbrietzen die Stadt ohne Männer war, verspricht er mir zum Frühstück und ich klettere aus seinem Bus.

Der Stadtkern ist wirklich klein, doch die Fachwerkhäuser haben ihren ganz besonderen Reiz und so schlendere ich die „Breite Straße“ – fast so breit wie der Ku’damm habe ich noch gelernt – hoch und wieder runter.


Beim Griechen gibt es dann die wirklich wohlverdiente Stärkung und dann wandere ich auch schon zurück. Für heute Nacht gibt es eine Tornado-Warnung. Ich stelle mir vor, wie der Wirbelsturm meinen kleinen Wagen erfaßt und ich ganz wie damals Alice im „Zauberer der Smaragdenstadt“ durch die Lüfte getragen werde. Mit der Magie der Fantasie schlafe ich selig ein – kein Tornado und auch kein Gewitter werden meinen Schlaf stören …

Das Paradies in der Mark Brandenburg

Wie vereinbart steht heute morgen ein Freund, der in der Nähe lebt, vor der Tür meiner Unterkunft. Als ich ihm vor einigen Tagen schrieb, dass ich von Berlin nach Leipzig laufen möchte und dabei auch an Teltow und Saarmund vorbei komme, erhielt ich seine Antwort : „Durch meine Heimat führe ich dich“ – und genauso machen wir es jetzt auch. Ich verstaue meinen Pilgerführer und die Karte im Rucksack und schon geht es los. Wir durchqueren Stahnsdorf und erfreuen uns an den vielen bunten Bauerngärten, die in voller Blüte stehen.
Völlig überrascht entdecke ich das erste Mal nun auch die Jakobsmuschel, dem Symbol meines Weges.


Unsere erste Rast machen wir am Güterfelder Haussee und gönnen uns einen Kaffee. Die Zeit vergeht rasch, denn der Gesprächsstoff geht uns nicht aus. Wir kommen auf dem grünen Rad- und Wanderweg gut voran und so erreichen wir viel früher als geplant Philippsthal. Im gleichnamigen Gasthof erfrischen wir uns an einer großen, kühle Apfelschorle.

Schon geht es weiter. Wir überqueren die Nuthe, die dem Tal (und der Autobahnabfahrt :-)) ihren Namen gegeben hat, bevor wir kurze Zeit später in Saarmund und damit an meinem Tagesziel ankommen.

Wir verabschieden uns herzlich und ich verkrümle mich in der Hitze des Nachmittages mit meinem Buch auf einen Liegestuhl im einladenden Garten meiner Pension. „Gelassenheit durch Auflösung innerer Konflikte“ so heißt der Titel von Angelika C. Wagner, das mich die nächsten Stunden begleiten wird. Ihre Definition von Gelassenheit bedeutet „einen Zustand innerer Ruhe, verbunden mit Wohlbefinden, Heiterkeit, Besonnenheit und innerem Gleichmut“ – das kann ich gut für mich annehmen und freue mich, dass ich mich gerade in diesem Zustand befinde.
Später wandere ich noch einmal zurück in das 2 Kilometer entfernte Philippsthal, um dort sehr lecker zu Abend zu essen und auch noch ein wenig weiterzulesen.

Ich bleibe an einer praktischen Übung hängen, die helfen soll, den Arbeitsspeicher wieder freizubekommen. „Erst einmal Pakete packen“ heißt sie und ist gut umsetzbar: alle Probleme oder Themen, die mir gerade in den Sinn kommen, notiere ich in meinem Inneren auf einer „Erledigungsliste“, dann stelle ich mir vor, jedes der Themen in ein Paket zu packen und an einem bestimmten Ort abzulegen, verbunden mit dem Versprechen, dass ich mich zu einem festgelegten Zeitpunkt genau damit beschäftigen werde. Danach betrachte ich entspannt meine „Pakete“ aus der Distanz mit der Gewissheit, wann es Zeit für jedes Thema ist. Nun kann ich mich mit freiem Kopf dem direkt anstehenden Punkt widmen – in dem Fall meinem wohlschmeckenden Räucherfisch :-). Das probiere ich auf jeden Fall demnächst einmal vor der nächsten Lerneinheit aus, bei der tatsächlich alle Konzentration notwendig ist.
Nun ist es erst einmal an der Zeit, wieder zurückzuwandern und den Tag zu beenden.

Am nächsten Morgen erwartet mich ein sehr leckeres Frühstück und ein entspanntes Gespräch mit meiner Gastgeberin zum Thema „Was ist wirklich wichtig im Leben“. Auch sie hat einen herben Einschlag vor einigen Jahren erlebt, der ihr Leben komplett verändert hat. Wir sprechen über Lebensfreude, Lebenszeit, über Träume und Wünsche bevor ich mich wieder auf den Weg begebe.

Meine Etappe heute ist mit knapp 17 Kilometern recht kurz und ich lasse es entspannt angehen. Die Sonne strahlt durch die Bäume auf den vor mir liegenden  Waldweg und taucht die Landschaft in ein ganz besonderes Licht. Dazu der blaue Himmel über mir – es ist der perfekte Glücksplittermoment.

Ich wandere an ausgedehnten Sonnenblumenfeldern vorbei und kann mich gar nicht satt sehen an den leuchtenden Blüten, die sich elegant der Sonne entgegenstrecken.

Die Felder gehen in einen Nadelwald über, den ich noch niemals zuvor so licht erlebt habe. Die Bäume stehen hochgewachsen in Reih und Glied ausgerichtet, dazwischen funkelt das satte grüne Moos. Was für ein Glück ich habe.

Am Waldrand entdecke ich eine Bank und mache es mir gemütlich. Nach dem Zufallsprinzip tippe ich in meiner Kindle-Bibliothek auf einen der vielen gespeicherten Titel und ich freue mich sehr, dass sich Julia Camerons „Der Weg des Künstlers“ öffnet. Von meinen Morgenseiten habe ich ja schon oft berichtet, nun schmökere ich weiter in dem sehr anregenden Buch: „Spring und das Netz wird da sein“ schreibt sie und genau das kann ich aus meiner Erfahrung der letzten Monate nur bestätigen.

Nachdem es mir auf der Bank in der Sonne entschieden zu warm wird, wandere ich weiter zum „Großen Seddiner See“ und finde den wohl derzeit schönsten Platz auf dieser Welt. Ich genieße den Moment. Sehe, wie die weißen Wolken sich im Wasser spiegeln und höre dem im Wind singenden Schilf zu, magisch fühlt sich der Augenblick an, fast zu schön, um wirklich wahr zu sein.

Langsam wird auch das Gedankenkarussell in meinem Kopf ruhiger, beginnt sich ein roter Faden aus dem Themenknäuel in meinem Kopf zu bilden. Das Schöne an meiner derzeitigen Aus- und Weiterbildungszeit ist es, dass ich mich mit so vielen Themen beschäftigen kann, die mir wirklich Freude bereiten. Die Kunst dabei ist es, Struktur in die Themenvielfalt zu bringen, um mir aus den vielen Puzzleteilen mein ganz eigenes Zukunftsbild zu bauen. Genau dafür helfen solche Tage wie heute.

Fast wehmütig verlasse ich meinen paradiesischen Platz und nähere mich nun dem großen Spargelanbaugebiet von Beelitz. Nachdem am Johannistag – dem 24. Juni – die Spargelsaison endet, bilden die Pflanzen einen grünen Busch aus, um genügend Kraft für das nächste Jahr zu sammeln. Und genau inmitten dieser Büsche stehe ich nun, sattgrün und höher als ich gewachsen – bis zum Horizont ist nichts anderes zu entdecken.

Es gibt sogar einen „Spargel-Rundweg“ und ich lerne, dass die Spargelpflanze mit dem Wachsen der Spargelstange bis zu siebenmal versucht, einen Stamm zu bilden, aus dem dann der Busch entstehen kann. Daher werden in der Regel aus einer Spargelpflanze sechs Spargelstangen geerntet und die siebte und letzte wächst dann durch, damit auch im nächsten Jahr wieder geerntet werden kann.

Wenig später begrüßt mich die Stadt Beelitz natürlich auch standesgemäß mit ihrer Hauptattraktion:

Ich beziehe mein Quartier und erfreue mich in der „Alten Brauerei“, die ich sonst nur aus der Spargel-Hochsaison kenne, an leckerem Fisch und Salat und lasse damit diesen wunderbar entspannten Tag für mich ausklingen.

 

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Manchmal endet der Jakobsweg auch an der eigenen Haustür …

… so jedenfalls ist mein Plan für die kommenden Tage.

Viel ist passiert in den letzten Monaten. So viel, dass es wieder einmal Zeit für mich wird, all die kreisenden Ideen und Projekte, die mich umtreiben, zu bündeln und zu sortieren. Als ich dann zu Beginn dieser Woche meine Waldrunde laufe, verspüre ich das tiefe Verlangen, einfach weiterzugehen – bis Santiago de Compostela und darüber hinaus.

So lange Zeit habe ich zwar leider nicht, eine spontane Woche erlaube ich mir dann aber doch. Vier Tage später sitze ich im Zug nach Berlin – denn der Jakobsweg an der Via Imperii, der alten Reichsstrasse, verläuft von hier nach Leipzig. Und von wo könnte ich besser starten, als von der Stadt, in der ich bei jedem meiner Besuche so viel Energie tanke?

Noch vor 9 Uhr komme ich am Berliner Hauptbahnhof an. Mein erster Weg führt mich zum Brandenburger Tor, dem Ausgangspunkt meiner Wanderung.

Gern möchte ich in meinen nagelneuen Credential eine ersten Stempel erhalten und betrete den nahegelegenen Souvenirshop. Auf meine Bitte nach einen Stempel in den Pilgerpass ernte ich zunächst nur fragende Blicke – sehr oft wird dieses Ansinnen wohl dann eher doch nicht geäußert. Doch mein Wunsch wird mir erfüllt und die Pilgerwanderung beginnt.

Der Weg führt am Tiergarten entlang zum Potsdamer Platz. Die Jakobsmuscheln als Symbol des Pilgerweges suche ich zwar vergeblich, doch mitten auf diesem trubeligen Platz höre ich plötzlich ein vertrautes „Buon camino“. Bevor ich überhaupt reagieren und mich für den Pilgergruß bedanken kann, ist die junge Frau in der Menge schon wieder verschwunden. Ein Lächeln umspielt meine Lippen und plötzlich ist es wieder da – dieses wunderbare Gefühl, sich auf den Weg gemacht zu haben.

Kurze Zeit später komme ich an der Stelle vorbei, an der ich vor vier Monaten mich mit meiner Kamera im Rahmen eines individuellen Fotoworkshops ausprobieren konnte. Ich erinnere mich daran, dass Enrico Markus Essl mich angeregt hatte: „Manchmal ist es einfacher die Position zu verändern“ und wie intensiv ich mich nun tatsächlich mit Perspektivwechseln auseinandersetze.

Seit 2015 heißt es, ist der Jakobsweg von Berlin nach Leipzig ausgeschildert, doch noch kann ich keine Symbole entdecken und so irre ich ein wenig durch Berlin. Ich komme zum 26 ha großen Park am Gleisdreieck, auf dessen heutigem Geländer sich früher ein Güter- und Postbahnhof befand und S- und U-Bahnen das ehemalige Bahngelände durchquerten. 1997 beschloss die Stadt Berlin dann, hier diese große Parkanlage zu bauen.

Mein Pilgerführer weist mich als nächstes auf die Königin-Luise-Gedächtniskirche hin, deren riesige Kuppel weithin sichtbar ist. Leider bleibt mir die Kirche verschlossen. Genauso wie der direkt gegenüberliegende Zwölf-Apostel-Kirchhof, der zwar als Gartendenkmal in meinem Führer verzeichnet ist, aber durch ein dicke Vorhängeschloss am Tor ebenfalls unerreichbar für mich bleibt.

Meine Stimmung beginnt zu kippen und erreicht ihren Tiefpunkt am S-Bahnhof Südkreuz. Die Wegbeschreibung ist völlig unzureichend, mein GPS dreht sich permanent im Kreis und eine junge Frau an der Bushaltestelle schickt mich in die falsche Richtung.

Es ist heiß, ich würde gern eine erste Pause machen und habe dabei völlig die Orientierung verloren. Meine Intuition entscheidet sich dann nach einiger Zeit für eine völlig andere Richtung. Ich treffe den Eigentümer einer Gärtnerei, die sich an der Straße befindet, und frage ihn um Rat. Er verrät mir einen Schleichweg, was mich wieder etwas mit dem Leben versöhnt. Ich lache herzlich über seine Aussage „Ick wollt ja auch mal den Weg nach Santiago pilgern, aber seit dem Buch von dem Kerkeling, geht’s da ja zu wie auf’m Ku’damm am Samstag“. Einfach köstlich. Noch immer lachend erreiche ich den Naturpark Schöneberger Südgelände, der sich auf dem Gelände des ehemaligen Rangierbahnhof Tempelhof befindet. Unter schattenspendenden Bäumen gönne ich mir meine erste Pause und nehme mir selbst das Versprechen ab, hierher noch einmal in Ruhe zurückzukommen, denn die Kombination von verfallenen Eisenbahnanlagen, Natur und Kunstobjekten macht Lust auf mehr. Immerhin wurde der Park auch außerhalb Berlins im Rahmen der Expo 2000 bekannt.

Es folgen einige Kilometer durch Tempelhof und Mariendorf.

Direkt am Teltowkanal stosse ich auf den Marienpark, einem ehemaligen Gaswerksarenal, das gerade zu neuem, spannenden Leben erweckt wird. Meine besondere Aufmerksamkeit weckt die Stone Brewery mit ihrem herrlich einladenden Freisitz. Ich gönne mir ein kühles Getränk und einen Salat. Das Innere der großen Backsteinhalle beherbergt eine Erlebnisgastronomie mit interessanten Veranstaltungsangeboten. Auch hier lohnt sich das Wiederkommen.

Weiter geht es über die Asphaltstraße Berlins, langsam beginnen die Füße ob des harten Untergrunds zu brennen, als ich endlich die Landesgrenze zu Brandenburg erreiche.

Ab hier folge ich dem Berliner Mauerweg, der den Verlauf der ehemalige Grenze kennzeichnet. Ich erreiche die Japanische Kirschblütenallee und stelle mir vor, wie herrlich es hier wohl zur Blütezeit der 9000 japanischen Kirschblüten aussieht – ein weiterer Punkt auf meinem Merkzettel für spätere Berlin-Ausflüge.

Ich erreiche den Teltow-Kanal und bin doch ein wenig enttäuscht, dass sich der Kanal hinter dicken Hecken verbirgt, nur ab und an blitzt das Wasser durch das grüne Dickicht.

Eigentlich will ich auch nur noch ankommen, die ca. 25 Kilometer des ersten Tages stecken in meinen Beinen und ich sehne mich nach einer erfrischenden Dusche.

Endlich ist die Stadt und meine Unterkunft erreicht. Kurze Zeit und eine lange Dusche später sind die Strapazen des ersten Tages auch schon wieder vergessen. Im Restaurant „Böfflamott“ direkt auf dem kleinen sympathischen Marktplatz treffe ich mich mit Freunden, die extra aus Berlin zum Abendessen hierher gekommen sind. Bis spät in die Nacht sitzen wir bei ausgezeichnetem Essen, gutem Wein und angeregten Gesprächen draußen – was für ein schöner Abschluss meines ersten Pilgertages …

 

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Tagebuchsplitter – Von der Kunst des Perspektivenwechsels

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