Yvonnes Reisen

What a wonderful world!

Ein perfektes Wochenende in Brandenburg

Als ich einem Freund von meinen Wochenendplänen erzählte, sang er mir lachend Rainalds Grebes Song vor:
Es gibt Länder, wo was los ist, wo richtig was los ist und es gibt BRANDENBURG, BRANDENBURG.

Mit meinem heutigen Blogpost bin ich absolut willens, diese These von Herrn Grebe zu widerlegen. Es ist eine Menge los in Brandenburg, künstlerisch, landschaftlich und menschlich. Es war einfach das perfekte Wochenende.
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Lang geplant war unser Freundinnenausflug ins Oderbruch. Dort wo das „Theater am Rand“ seinen festen Platz hat und vom dem ich schon soviel gehört hatte. Letzten Samstag war es dann soweit.

Über das Internet kann man nicht nur die Karten für das Theater am Rand reservieren, sondern auch über die Gastgebervermittlung „Schlafplatz am Rand“ ein Hotel- oder Pensionszimmer buchen. So führt uns unser erster Weg zunächst nach Neuenhagen, circa 20 km vom Theater entfernt in die Pension Stein.

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Herzlich von der Gastgeberin begrüßt, fühlen wir uns sofort wie zu Hause, geniessen die herrliche Aussicht vom Balkon und spazieren kurze Zeit später los. Bei der Einfahrt in den kleinen Ort hatten wir ein holzgeschnitztes Schild „Schloss Neuenhagen“ entdeckt, dass unsere Neugier weckte.

In den Schlosshof einbiegend, sind wir uns noch unsicher, ob wir uns unerlaubt auf privaten Besitz begeben. Doch die Schlossherrin begrüßt uns lächelnd und schlägt vor, dass wir uns direkt der Führung anschließen, die gerade begonnen hat. Was sich geschrieben sicher sehr steif anhört, ist tatsächlich sehr unkompliziert. Der Hausherr führt gerade ein Ehepaar durch die Räume und freut sich sehr, dass wir uns spontan dazu gesellen.

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Das sympathische Paar Christina Bohn und Andreas Unterberger haben das Schloss aus dem 16. Jahrhundert, das eher wie ein Gutshaus anmutet, 2010 gekauft und sanieren es seitdem sanft. Ein Cafe ist entstanden im einstigen Rittersaal, in den Kreuzgewölben ist eine Ausstellung von Jörg Engelhardt „Affengesichter“ zu besichtigen und die alten Kronleuchter, Gemälde und antiquarischen Möbel, die in den Räumen verteilt sind, verleihen dem Schloss ein ganz spezielles Flair. Wir fühlen uns sofort wohl hier, widersprechen dem Schlossherren vehement, als er sagte, dass noch so viel zu tun sei, denn gerade dieser Charme macht es für uns aus. Wir genießen weißen Wein im Schlossgarten und sind uns sehr schnell einig, dass wir wiederkehren werden. Vielleicht wenn die Pensionszimmer fertig sind – die erste Dusche wird in den nächsten Tagen schon eingebaut – oder aber, wenn die Schlossherren zur Lesung am Kamin einladen.

Doch zunächst geht es weiter. Das „Theater am Rand“ befindet sich direkt an der Oder im kleinen Dorf Zollbrücke und hat bereits eine fast zwanzigjährige Geschichte hinter sich. Begründet gemeinsam vom Schauspieler Thomas Rühmann und dem Musiker und Komponisten Tobias Morgenstern. Anfangs fanden die ersten Vorstellungen vor nicht mehr als 30 Zuschauern im Wohnzimmer eines über hundertjährigen Fachwerkhauses statt, das aber bald aus allen Nähten platzte.

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Im November 2004 begann dann direkt daneben der Bau des heutigen Theaters mit einem schützenden Dach, unter dem nun bis zu 200 Zuschauern Platz finden und dessen ganz besonderes Flair die Offenheit ausmacht. Die Bühne kommt ohne Rückwand aus, die Handlung bezieht die Landschaft mit ein.

So stockt uns der Atem, als sich vor ausverkauftem Haus der Vorhang öffnet. Zunächst entdecken wir das schlichte Bühnenbild und dann öffnen sich dahinter in unbeschreiblicher Schönheit die Wiesen und Felder des Oderbruchs. Die vier Darsteller des heutigen Stückes „Mitten im Amerika“ kommen schweigend mit etwas Abstand zwischen sich über das weite Feld zur Bühne gelaufen. Die Sonne im schrägen Winkel dazu begleitet ihren Weg. Diese wunderbare Szene bleibt unvergessen.
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Die Handlung des Stückes nach dem gleichnamigen Buch von Annie Proux ist in den Panhandle, dem Grenzgebiet zwischen Oklahoma und Texas angesiedelt. Hierhin verschlägt es einen jungen Mann namens Bob Dollar, der im Auftrag eines Schweinemastkonzerns Land aufkaufen soll. Die Schauspieler Kathleen Glaube, Thomas Rühmann und Jens-Uwe Bogadtke erzählen uns ernst und manchmal auch recht humorvoll Geschichten um Wasser, Boden, Öl, Windräder und Schweinefarmen, lassen uns nachdenklich werden, uns mit Bob Dollar verbinden und zum Schluss über das Happy End freuen, auch wenn wir wissen, dass dies dann doch nur ein modernes Märchen ist. Tobias Morgenstern begleitet das Stück eindrucksvoll mit Musik. Die Landschaft im Hintergrund beflügelt die Phantasien dazu. Was für ein Ensemble.

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Thomas Rühmann und Tobias Morgenstern stehen danach am Ausgang und sammeln den Austritt ein. Hier gilt das System „Eintritt bei Austritt“ Jeder Gast bestimmt selbst, was ihm das Stück wert ist. Um wirtschaftlich arbeiten zu können, wird ein Austrittspreis empfohlen, den wir drei gern aufrunden und dann noch ein Glas in der direkt an das Theater angrenzenden „Randwirtschaft“ trinken. Hier haben wir übrigens vor der Vorstellung auch hervorragend gegessen. Im schlichten Ambiente einer Holzkonstruktion, die ohne Lack und Anstrich auskommt , saßen wir perfekt mit Blick auf die offene Küche und wurden mit Pasta und Salat vom jungen Koch verwöhnt.

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Das Stück geht mir nicht aus dem Kopf, insbesondere ein Satz hat es mir angetan, doch bekomme ich ihn nicht mehr ganz zusammen. Unkompliziert den Darsteller persönlich befragt, habe ich ihn auf meiner Austrittskarte festgehalten:
„Der Büffel rennt in den Sturm hinein, damit er schneller aus dem Sturm wieder rauskommt“. Eine wunderbare Umschreibung für „Augen zu und durch“ und vielleicht ein wenig Leitsatz für alles, was in den nächsten Wochen und Monaten vor mir liegt.

Über die dunkle Landstraße, den Fahrbahnunebenheiten ausweichend, geht es zurück in unsere Pension mit der Gewissheit, dass wir auf jeden Fall wiederkommen werden in dieses ganz besondere Theater.

Am nächsten Morgen weckt uns das sanfte Geräusch eines Landregens, dabei hatten wir uns so sehr auf das Frühstück im Garten gefreut. So bummeln wir ein wenig, bis die Wolken sich verzogen und der Himmel wieder blau ist.
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Unsere Gastgeberin hat den Tisch liebevoll gedeckt, es fehlt uns an nichts und wir genießen die Stille inmitten von üppige Blumen. Der Kater des Hauses gesellt sich zu uns. Es ist, als ob die Zeit für einen Moment stehen bleibt – Glück zum anfassen.

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Wir verabschieden uns herzlich und kehren noch einmal zurück in den kleinen Ort Zollbrücke, gehen am Theater vorbei, bestaunen die bunte Blumenwiese am Ufer der Oder, erfreuen uns an den Bauerngärten vor den gepflegten Häusern und kaufen sonnengereifte Tomaten für zu Hause ein.

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Der Sonntag ist noch jung und so beschließen wir, auf halber Strecke zwischen dem Oderbruch und Leipzig noch einmal Halt zu machen. Unsere Wahl fällt auf den ebenfalls in Brandenburg befindliche hübschen Ort Caputh. Einer Empfehlung folgend kehren wir im Landhaus Haveltreff ein und stärken uns mit ausgezeichnetem Essen und mit Blick nun auf den nächsten Fluss – die Havel –bevor wir den Ort erkunden.

Zunächst kommen wir am Schloss Caputh aus der Zeit des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm vorbei und durchstreifen den direkt am Ufer des Templiner Sees befindlichen Schlossgarten.

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Bewundern danach die frisch restaurierte Kirche und überlegen kurz, dem gleich beginnenden Orgelkonzert zu lauschen,

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entscheiden uns aber dann doch anders, denn es gibt noch einen ganz besonderen Ort zu besichtigen: das Sommerhaus von Albert Einstein am Waldrand von Caputh.
Hier haben wir Glück, in wenigen Minuten beginnt eine Führung. Wir genießen frische Pflaumen im Garten und lassen uns dann entführen in die frühen Dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Wir erfahren viel über die Familie Einstein, über Freunde und Gäste des Hauses, über Zeitgeschichte und über die heutige Nutzung des Hauses. Die einstündige Führung vergeht wie im Flug und dann ist es doch an der Zeit, die Heimreise anzutreten.

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Zur Tatortzeit sind wir wieder zu Hause, reich an neuen Eindrücken und der Gewissheit, in Brandenburg, in Brandenburg da ist richtig was los.

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  1. Sehr schöne Eindrücke, wundervoll geschildert. Man glaubt, dass das Wochenende nicht zu Ende geht. Warum in die Ferne schweifen? In unserem Land gibt es so viele sehenswerte Refugien.

    • Yvonne

      Absolut, es war fast wie eine Woche Urlaub und wir waren total fasziniert von der Schönheit dieser Gegend.

  2. Ach Yvonne, ich war ja im vergangenen Jahr auch ein paar Tage im Oderbruch und im „Theater am Rand“ – und deine Beschreibung ist fast wie „Nochmal-Ankommen“.
    Das Theater und die Leute dort sind einfach „fesselnd“ und mein Herz macht gleich ein paar Hüpfer, wenn ich an meinen Abend mit meinem Sohn und seiner Freundin dort denke. Auch mich hat es fast umgehauen, was für eine Wirkung es hat, wenn die Landschaft als Kulisse dient …
    Gern erinnere ich mich an einen Badetag im See ganz in der Nähe – dort traf ich eine mit majestätischer Kopfhaltung schwimmende Schlange im Wasser.
    Witzig finde ich ja, dass ihr auch im Schloss Neuenhagen gelandet seid – dort saß ich nämlich ebenfals mit dem Schlossherrenpaar und einem ortsansässigen Schriftsteller plaudernd – und bei leckerem selbst gebackenen Kuchen.
    Danke für’s Erinnerungen-Wecken!!!

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