Yvonnes Reisen

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Der Jakobsweg beginnt vor deiner Haustür – Von Leipzig nach Frankleben

Mehr als vier Wochen sind bereits vergangen, seitdem ich von meiner Pilgerreise von Porto nach Santiago de Compostela zurückgekehrt bin. Viel zu schnell hat mich der Alltag wieder gefangen genommen, doch die tiefe innere Ruhe und die Kraft, die mir der Weg gegeben hat, ist geblieben. Rückblickend war es genau die richtige Zeit, mich auf diesen Weg und damit verbunden in mein Innerstes „Ich“ zu begeben.

Die Tage jetzt sind von Veränderung geprägt und es ist ein gutes Gefühl, zu wissen, dass man dem Leben vertrauen kann und seine Ziele erreicht, wenn man es wirklich will.

Süchtig gemacht hat mich dieser Weg, das war schon klar, bevor ich überhaupt angekommen war. Damit befinde ich mich in guter Gesellschaft mit all den Pilgern, denen ich auf dem Weg begegnet bin, die schon mehrfach unterwegs waren oder es wieder tun werden. Es gibt so viele verschiedene Wege, sich Santiago zu nähern. Der einfachste Weg ist, vor der eigenen Haustür zu beginnen.

Bei meiner Recherche wurde ich sehr schnell fündig. Die mittelalterliche Via Regia durchzog einst den gesamten mitteldeutschen Raum. Als wichtigste europäische Fernstraße führte sie auch durch Leipzig, einen der bedeutendsten Messeplätze dieser Zeit. Aufzeichnungen belegen Pilgerreisen von hier nach Santiago de Compostela. Dem ökumenischen Pilgerweg e.V. ist es zu verdanken, dass der rund 450 Kilometer lange Teil der Via Regia von Görlitz bis nach Vacha an der thüringische-hessischen Grenze wiederbelebt wurde und heute als Ökumenischer Pilgerweg ausgewiesen ist.

Von der Haustür an also – ein schöner Gedanke, den ich diesmal gern teilen möchte.

Denn klar ist, dass die 2454 Kilometer von Leipzig bis nach Santiago nur in Etappen zurückzulegen sind.

Und so teilte ich zunächst die Strecke von Leipzig nach Erfurt über 130 Kilometer in Sonntags-Tagesetappen auf und überraschte meine Schwester mit einem Pilgerausweis und dem liebevoll gestalteten Pilgerführer des ökumenischen Pilgerweg e.V.

Es war total schön zu sehen, wie sehr sie sich über diese Idee freute. Die Termine standen fest. Die Reise nach Santiago konnte beginnen.

1 Etappe von Leipzig nach Kleinliebenau – 10. Juli 2016

Zeitig am Morgen – die Sonne gibt uns schon einen kleinen Vorgeschmack auf den heißen Tag, der vor uns liegt – beginnt unsere Wanderung an der Nikolaikirche in Leipzigs Innenstadt.


Da kurze Zeit später der Sonntagsgottesdienst stattfinden wird, haben wir das große Glück in der Kirche den Küster anzutreffen, der uns in unsere noch schneeweißen Pilgerpässe den ersten Stempel drückt. Überrascht sind wir dann aber schon, dass nach Aussage des Küsters tatsächlich täglich Pilger die Kirche besuchen. Der Pilgerweg beginnt vor der Haustür – gelebte Praxis.

Weiter geht es zur Thomaskirche und man könnte fast vermuten, die wohlklingenden Kirchenglocken läuten, um uns gut auf den Weg zu bringen.

Die Innenstadt ist schnell verlassen. Im Rosenthalpark entdecken wir das erstmal die gelbe Muschel, die uns den Weg weist und uns von nun an stetig begleiten wird.


Ein bisschen unsicher an einer Abzweigung befragen wir einen Radfahrer nach der Richtung zur Domholzschänke, unserem Ziel für die Mittagsrast.

Deutlich überrascht weist er uns den Weg, nicht ohne zu erwähnen, dass diese doch recht weit entfernt sei. Lachend bestätigen wir ihm, dass wir die Entfernung kennen und nicht ohne ein wenig Stolz zeige ich ihm unseren Pilgerführer.


Fast allein sind wir an diesem heißen Sonntagvormittag auf dem Luppedamm. Vereinzelt überholen uns Radfahrer. Auf der anderen Flusseite blöken Schafe im Chor. Idyllisch ist es hier und kaum zu glauben, wie nah wir trotzdem noch der Grosstadt sind.


Die Gesprächsthemen gehen uns nicht aus. Viele Themen bewegen uns und wir stellen einmal mehr fest, dass mit dem Gehen auch die Gedanken in Gang kommen. Pläne werden geschmiedet, Entscheidungen abgewogen und meine Zuversicht wächst, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben.

Wir genießen die Landschaft, die Ruhe und den Weg – kommen gut voran und erreichen zur Mittagszeit die Domholzschänke. Das bereits 1928 eröffnete traditionelle Ausflugslokal ist idyllisch mitten im Wald gelegen und gut besucht. Wir suchen uns ein schattiges Plätzchen, genießen ein kühles Getränk, stärken uns mit Pilzrührei und verlassen das Gasthaus mit dem nun schon zweiten Stempel in unserem Pilgerausweis.

Überrascht stellen wir fest, dass uns nur noch gut 2 Kilometer von unserem Tagesziel trennen. Viel zu schnell sind wir in Kleinliebenau angekommen.

An der Rittergutskirche werden wir herzlich begrüßt. Der Kultur- und Pilgerverein Kleinliebenau e.V. richtet heute hier ein Jazzkonzert aus.
Sofort kommen wir mit der Organisatorin ins Gespräch, die uns im Inneren der kleinen barocken Kirche die Geschichte dazu erzählt. Ursprünglich zum Rittergut Kleinliebenau gehörend, gelangte die Kirche mit der Bodenreform in kommunales Eigentum und war lange Jahre geschlossen. Im Jahre 2005 kaufte der Leipziger Religionslehrer Henrik Mroska die Kirche für einen symbolischen Euro und übernahm die Verpflichtung, diese denkmalgerecht zu sanieren. Im gleichen Jahr wurde der Kultur – und Pilgerverein Kleinliebenau gegründet , Stück für Stück wird dieses Kleinod nun restauriert und es kehrte wieder kulturelles und gottesdienstliches Leben ein. Da die Kirche am Ökumenischen Pilgerweg liegt, wurde dazu eine kleine Pilgerherberge eingerichtet.

Froh ist die Pilgermutter trotzdem, dass wir nicht übernachten wollen, denn für heute hat sich eine Gruppe von 16 Pilgern angemeldet, die im Kircheninnenraum übernachten werden. Auf unsere Frage, wie oft denn Kleinliebenau von Pilgern besucht wird, holt sie stolz das Gästebuch hervor . Liebevolle Einträge von Pilgern aus allen deutschen Himmelsrichtungen und sogar von Holländern sind darin nachzulesen.

Schnell noch ein Foto von uns beiden vor der hübschen Kirche, den dritten Stempel in die Pilgerpässe und schon kommen die Musiker, die ihren Auftritt vorbereiten wollen und wir verabschieden uns herzlich.

Kurze Zeit später werden wir mit dem Auto abgeholt, denn der öffentliche Nahverkehr ist hier leider nicht so ausgeprägt. Verschwitzt aber glücklich kommen wir zu Hause an und freuen uns schon auf die nächste Etappe in zwei Wochen.

Santiago – wir sind auf dem Weg zu dir.

2. Etappe von Kleinliebenau nach Frankleben – 24. Juli 2016

Strahlender Sonnenschein begleitet uns auch heute. Wir starten 9 Uhr an der Kirche in Kleinliebenau und haben schon morgens eine leichte Ahnung davon, wie hochsommerlich heiß dieser Tag werden wird. Schnell ein Selfie zum Start und los geht es.

Ganz allein sind wir auf der Landstraße Richtung Dölkau, nur ein paar Landmaschinen überholen uns von Zeit zu Zeit. Die erste Stunde vergeht wie im Flug – Gedanken der ersten Etappe werden aufgegriffen und weiterentwickelt, der Gesprächsstoff geht uns nicht aus und so lassen wir Horburg unbemerkt rechts (oder vielleicht auch links?) liegen und nehmen erst in Dölkau unsere Umgebung wieder so richtig wahr.

Doch das lohnt sich hier : wir stehen vor dem sich in Privatbesitz befindlichen Schloss Dölkau, ein wunderschönes klassizistisches Gebäude, das Graf Karl Ludwig August von Hohenthal zwischen 1804 bis 1806 mit großer Wahrscheinlichkeit von dem damals bedeutendsten Leipziger Architekten Johann Friedrich Dauthe entwerfen und bauen ließ. Sechsmal jährlich finden hier am Sonntag Nachmittag klassische Konzerte statt, die ich selbst schon genießen konnte und für die ich meine Schwester schnell begeistern kann.

Wir wandern weiter nach Zweimen und bewundern an einer Hausmauer ein Bild eines Pilgers mit Esel.


Zumindest kleiderordnungstechnisch haben wir ihm einiges voraus mit unseren luftigen Shirts und den dünnen Wanderhosen. Und das ist auch gut so, die Sonne brennt erbarmungslos vom Himmel und Schatten ist weit und breit nicht in Sicht.

Über eine frisch sanierte Brücke überqueren wir die Luppe und wandern nun über Wiesen und durch Wälder und folgen sicher den immer wieder auftauchendem Muschelzeichen.

Vorbei am Raßnitzer See erreichen wir den Wallendorfer See – Zeit für eine Müsliriegelpause. Beide Seen sind aus Tagebaurestlöchern entstanden und wurden von 1998 bis 2000 geflutet. Doch im Gegensatz zu den Seen südlich von Leipzig ist es hier am Strand noch sehr ruhig. So genießen wir unter einem Baum die schattige Pause, bevor es entlang der B 181 nach Merseburg geht.


Die Strecke ist nicht wirklich schön und zieht sich wie Kaugummi. Wir sprechen es nicht laut aus, wie nervtötend wir beide dieses Teilstück finden. Doch sind wir beide mehr als erleichtert, als wir in einem kleinen Stadtpark abbiegend einen ersten Blick auf den Merseburger Dom erhaschen.


Und der ist eindrucksvoll. Wir erreichen das wunderschöne Ensemble von Schloss und Dom und atmen in der Kühle des Eingangsbereichs auf. Der Merseburger Dom zählt zu den herausragenden Baudenkmälern der „Straße der Romanik“ und ein weiteres mal sind wir überrascht, welche Schätze wir in unserer Umgebung noch nicht kennen. Die berühmten Merseburger Zaubersprüche und der Domschatz sind im Rahmen einer Ausstellung zu besichtigen und so verstehen wir auch die 6,50 Euro, die hier an Eintritt in den Dom zu zahlen sind. Das gilt allerdings nicht für uns, denn wir sind Pilger und bekommen einen Stempel in unseren Credential, freien Eintritt und eine kurze Erläuterung zum Dom. Nach der Besichtigung zünden wir Kerzen an für all die Lieben, denen wir gedenken


und schauen danach im Schloßpark beim Merserburger Raben vorbei. Der Legende nach trug es sich im 15. Jahrhundert zu, dass der Bischof Thilo von Trotha seinen Siegelring vermisste, daraufhin seinen Diener des Diebstahls bezichtigte und diesen hinrichten ließ. Doch wenige Jahre später fand man bei Dachausbesserungsarbeiten den Siegelring in einem Rabennest. Erschrocken über sein vorschnelles Urteil ließ der Bischof einen Vogelkäfig bauen und seitdem büßen Generationen von Raben für das Vergehen ihres Urahns.

Heute allerdings in einer großen Voliere, die mehr Bewegungsraum zulässt und nun auch als Raben-Duo.

Auf der Aussichtsterasse des angrenzenden Café Ben zi bena stärken wir uns bei Kaffee und Kuchen für die noch vor uns liegenden Kilometer und wandern guten Mutes weiter – das Ende der Etappe scheint nah.

Durch den Stadtpark hindurch führt uns der Weg zu einer Brücke über den Gotthardteich und läßt uns stoppen. „Wegen Baufälligkeit gesperrt“ informiert uns ein Warnschild. Kurz beraten wir uns und … überklettern den Bauzaun, vorsichtig bewegen wir uns über die Bohlen der Brücke, ganz geheuer ist es uns dann noch nicht und so gibt es nur schnell ein Selfie von uns beiden und wir verlassen umgehend den Ort des Geschehens.

Wunderschön ist nun der Weg am Ufer des Geiselbaches. Wir setzen unsere Wanderung durch die „grüne Lunge“ Merseburgs fort und bewundern die Tiere in dem kleinen Tierpark, den wir durchstreifen.

Dem Wanderführer folgend durchqueren wir einsames Marschland, laufen an einem Technikmuseum vorbei und … haben uns verlaufen. Irgendwo unterwegs ist uns der Muschelwegweiser abhanden gekommen und mein GPS zeigt an, dass wir uns nicht unerheblich vom Weg entfernt haben. Nun ist guter Rat teuer. Wir sind erschöpft, unsere Wasservorräte gehen dem Ende entgegen, es ist spät und wir wollen eigentlich nur noch ankommen. Doch ehrgeizig sind wir beide, entscheiden gemeinsam, nicht einfach nur der Hauptstraße zu unserem Ziel zu folgen, sondern den Anschluss an den Jakobsweg zu finden. Das gelingt uns auch und lachend nehmen wir zur Kenntnis, dass der mit Betonplatten versiegelte Wirtschaftsweg parallel zur Hauptstraße verläuft. Aber: nur hier gibt es die Muschelsymbole.

Wir klatschen uns fröhlich ab, als wir das Ortseingangsschild Frankleben erreichen und freuen uns, schon die Dorfkirche entdeckt zu haben. Wunderschön ist sie mit ihrem verputzten Bruchsteinbau. Doch dann wird unsere Ankunftsfreude jäh zerstört : die Dorfkirche St. Martini steht in der kleinen Ortschaft Reipisch, die zur Gemeinde Frankleben gehört …

Noch immer ist also kein Ende unserer schweißtreibenden Wanderung in Sicht, endlos lang kommt uns der Feldweg vor, dem wir nun folgen. Im nächsten Ort angekommen fragen wir vorsichtshalber Passanten, ob wir nun auch wirklich in Frankleben sind und wo sich denn hier die Kirche befindet. Doch nun ist alles richtig und glücklich erreichen wir heute nach 30 Kilometern, 7 Wanderstunden und 34 Grad im Schatten unser Etappenziel – erschöpft, aber glücklich und schon in Vorfreude auf die nächste, die hier am Geiseltalsee beginnen wird …

 

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  1. Astrid Ruffert

    Hallo Yvonne, ich finde eure Idee prima und wuensche euch Beiden eine gute Wanderung entlang dem Jacobsweg. Nach all den Jahren hab ich jetzt auch mal deine Schwester kennengelernt 🙂

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