7. Etappe von Tui nach O’Porriño

Über die Nacht hülle ich den Mantel des Schweigens – auf Dauer sind meine Alpträume für euch ja auch anstrengend. Die Sonne schien am Morgen in mein Zimmer und verzauberte die Aussicht aus meinem Fenster noch einmal mehr. 

Das Frühstück im Hotel war großartig – dunkles Brot !!!! Käse und Schinken erfreuten die Pilgerherzen. Mit mir auch das des australischen Paares, dass in Ponte de Lima mit am Frühstückstisch gesessen hat. Sie wandern – organisiert und ohne Gepäck – heute wie ich bis O Porrino, dann werden sie mit dem Auto zurück in das Hotel in Tui gebracht um dann morgen wieder nach O Porrino zu fahren , um weiterzuwandern. Wanderweg statt Pilgerreise. 

Bald stehe ich mit meinem Rucksack wieder auf dem Weg mit den gelben Pfeilen und verlasse das schöne Tui mit dem Vorsatz , das Handy heute den ganzen Tag im Flugmodus in der Tasche, den Blog heute Abend ruhen zu lassen und mich ausschließlich auf den Moment zu konzentrieren. Das scheitert dann schon in dem Moment , in dem ich das erste Foto machen möchte und das handy doch wieder heraus krame. 


 Ja ich weiß , Fotos kann man auch im Flugmodus machen , aber wenn ich es doch schon mal in der Hand halte … Und so lese ich die Email von Christoph , der ein großer Fan vom spanischen Küstenweg ist und auf den ich aufmerksam geworden bin, als ich im März eine gute Pilger(innen) Packliste im Internet gesucht und bei ihm gefunden habe. Seitdem abonniere ich seinen Newsletter. Er suchte gestern drei Testleser für sein neues Buch über den portugiesischen Jakobsweg. Ich fand mich dafür sehr geeignet, habe mich sofort beworben und jetzt kam die Bestätigung , ich darf sein Buch als eine der ersten lesen und etwas darüber schreiben. Ich freue mich riesig und erkenne so einiges , ich brauche Aufgaben (und auch Herausforderungen ) und ich möchte meinen eigenen Reisebericht weiter schreiben. Der lenkt mich nicht ab, sondern hilft beim reflektieren. 

Die Etappe ist vom Profil heute nicht wirklich anspruchsvoll. Unterwegs begrüße ich Miguel, den Peruaner und später Vater und Tochter aus Weimar , die heute mit einem Stuttgarter unterwegs sind , den ich am Morgen beim Frühstück im Hotel getroffen habe. Auf dem Weg geht keiner verloren. 


Abwechslungsreich ist die Etappe. Zunächst komme ich mitten im Wald an einem Gebäude vorbei , an dessen Außenmauern sehr beeindruckende Bilder des galizischen Künstlers Xai Oscar hängen. 


Später begleitet mich ebenfalls durch ein Waldstück eine sehr lange Zeit und damit auch sehr laut die Stimme eines Stadionssprechers. So hört es sich zumindest an. An einer Straßenkreuzung entscheide ich mich statt rechts dem Weg zu folgen einen kleinen Umweg nach links in den Kauf zu nehmen , um zu erkunden , was vor sich geht. Ein ganzer Parkplatz voller Zelte und dazwischen eine große Anzahl von Pferden jeder Art. Es gibt eine Arena , in der offensichtlich eine Reihe von Wettbewerben ausgetragen wird. Kinder , die voltigieren, Männer in Kutschen oder hoch zu Ross – ein insgesamt eher wilder Anblick, von dem vermutlich nur die Teilnehmer die Regeln verstehen. Es ist ein kommen und gehen – oder eher reiten und ich entscheide mich , auf den Weg zurück zu kehren. 


Und wäre das an Wettbewerben nicht genug , kommt mir jetzt ein ganzer Tross entgegen. Zunächst Motorräder der Polizei, dann Radrennfahrer in ihren bunten Trikots , Begleitfahrzeuge , Ambulanz und auch der Besenwagen fehlt nicht. Wenn ich nicht wüsste , dass die Vuelta erst im August stattfindet … Später beim Kaffee erfahre ich , dass heute ein bekanntes regionales Radrennen stattfindet und noch später komme ich an dem Parkplatz vorbei , an dem die Teilnehmer ihre Räder wieder ihren Autos verstauen. 


Gegen Mittag wünsche ich mir einen schönen Milchkaffee und ein Bocadillo und werde alsbald erhört. Mit mir ist eine junge Frau dort, die mir unterwegs schon aufgefallen ist. Sie macht einen sehr sympathischen Eindruck auf mich und so spreche ich sie an. Leider versteht sie kein Wort englisch , sie kommt aus Brasilien und da ich kein Portugiesisch spreche , bleibt es bei Bom caminho. 

Dafür sitzt eine Holländerin auch da, mit der ich kurz ins Gespräch komme. Sie fragt , ob ich allein pilgere und findet das gut. Eigentlich ist sie auch allein unterwegs , hat seit zwei Etappen aber eine Freundin aus Berlin , die jetzt zwar weit hinter ihr läuft , mit der sie aber nun die Etappen gemeinsam erreicht. Ob ich das mit dem allein pilgern noch so gut finde, das kann ich in einem Satz nicht mehr beantworten. Vielleicht kenne ich die Antwort in Santiago, vielleicht in Finisterre, vielleicht bleibt sie aber auch offen. 

Der Weg heute lässt Alternativen zu. Zweimal wurde dem historischen Weg eine Variante gegeben , die landschaftlich schöner ist. An der ersten dieser beiden Stellen , liegt am Hauptweg ein Café , dass natürlich darunter leidet , wenn alle Pilger vorher abbiegen (allerdings könnte man , wenn man wollte 300 Meter Umweg in Kauf nehmen und dann doch den schöneren Weg wählen ). So kämpft aber der Pilgerverein mit dem Cafébesitzer , was deutlich an der Ausschilderung zu erkennen ist. Ich sehe viele übermalte Pfeile nach links und geradeaus und den Versuch , die Pfeile immer noch höher anzubringen , als der andere. Bereits gestern von Helmut darauf vorbereitet , biege ich nach links ab. 


Eine zweite Situation gibt es kurz vor O Porrino : Auf dem schnellsten Weg geradeaus oder links durch den ausgedehnten Stadtpark. Ich habe noch Zeit und nehme den längeren Weg, der ist zwar nicht so gut ausgeschildert , dafür umso schöner. 


Zeitig erreiche ich das kleine schlichte Hotel. Duschen und wieder los , denn 100 Meter weiter befindet sich ein öffentlicher Waschsalon. Herrlich , alle (also fast alle) Klamotten in die Waschmaschine , die sich eine halbe Stunde dreht. 


Dann etwas Lehrgeld gezahlt , bis ich verstanden habe , welche der Geräte auch trocknen – schließlich alles in spanisch und ich zum erstenmal in einem Waschsalon. Doch dann trage ich die Sachen sauber und trocken ins Hotel zurück und beschließe , die Stadt zu erkunden.

 Diese ist – nun , wie beschreibe ich es freundlich , auch eher schlicht und so sehe ich mich etwas unschlüssig um, als ich meinen Namen höre und Sandra von den Philippinen mich umarmt. Mit ihr einer der Wanderer, die ich schon von unserer „Bergtour“ kenne und zwei weitere philippinische Frauen , die die Tour mit dem Shuttle übersprungen hatten. Sandra freut sich riesig und die anderen berichten , dass sie immer nach mir Ausschau hält. Was für ein schönes Gefühl. Wir gehen zu fünft Nudeln essen und zeigen uns gegenseitig die Fotos von gestern und heute. Übermorgen in Pontevedra könnten wir uns wieder sehen , denn morgen haben sie ein anderes Etappenziel. Spätestens in Santiago aber treffen wir uns , denn dort kommen sie auch am Freitag an.  

Die vier sind reichlich erschöpft und verabschieden sich ins Hotel. 

Ich suche mir einen sonnigen Platz auf den Treppenstufen, blinzle in die Sonne und schreibe meinen Blog … 

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  1. Marion

    Hallo meine Liebe, ich folge Deinen Worten und Bildern und freue mich über Deine schönen Begegnungen. Im Grunde bist Du nicht allein – Türen öffnen sich, Türen schließen sich und neue Türen öffnen sich, so ist der Weg die Abbildung des Lebens…. es werden sich noch viele Türen für Dich öffnen… und Du wirst immer offener – das ist schön mitzuerleben!

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