Nach einer weiteren Nacht mit Alpträumen und langen Wachphasen bin ich kurz nach acht Uhr die fast letzte beim Frühstück. 

Dieses wird in einem Esszimmer aus einem früheren Jahrhundert an einem großen runden Tisch reserviert. 

Ab heute werden die Pilger internationaler. Mit am Tisch sitzt ein französisches Pärchen, ein Pärchen aus Australien , ein weiteres englischsprachiges, aber sehr stilles Pärchen und ein Pärchen aus Düsseldorf. Fällt euch was auf ? Alles Pärchen – langsam wird mir das ein wenig zu viel. Ob die allein reisenden Pilger alle in die Herberge gehen? Könnte eine Erklärung sein, aber unterwegs begegnen mir wirklich auch nur sehr wenige Pilger , die nicht in einer zumindest Minigemeinschaft unterwegs sind. Klar ist , dass ich das Düsseldorfer Pärchen in der Pension in Rubiaes wieder sehen werde. Gesprächsstoff am Tisch heute morgen ist die vor uns liegende wohl härteste Etappe. 480 Meter im Aufstieg auf erstmalig wirklich richtig unbefestigten Untergrund. 

Mit 20 Kilometern ist die Etappe nicht wirklich lang , dafür aber fordernd. 

Nach und nach starten wir. Punkt 9 Uhr beginne ich meinen Weg auf der wunderschönen Brücke von Lima. Schon am Morgen ist es sehr warm. Die Sonne scheint aus Leibeskräften und ich laufe los eigentlich in der Gewissheit , heute allein zu bleiben. 


Die Landschaft ist bezaubernd. Überall Laubengänge mit Wein, die genau so schön sind, wie der Vino Verdhe gut schmeckt. 


Kurz hinter Lima verlaufe ich mich und werde sofort von einem herzlichen Portugiesen wieder auf den richtigen Weg geschickt. 

Ich habe einen guten Schritt und so überhole ich die eine oder andere Gruppe. Zunächst Franzosen, die heute ihren Weg beginnen, später Amerikaner. Und dann ziehe ich gleich mit Sandra (ihr selbstgewählter nickname, da ihr asiatischer Name zu kompliziert ist ) von den Philippinen. Sie ist in einer siebenköpfigen Gruppe unterwegs , die weit auseinandergezogen läuft. 3 philippinos, eine Schottin , eine Amerikanerin , eine Holländerin, ein Südamerikaner Wir schwatzen ein wenig miteinander, dann lass ich sie hinter mir , später schließt sie leichtfüßig in Turnschuhen wieder zu mir auf. Der ansteigende Pflasterweg mündet in einen steil ansteigenden Waldweg. Große Steine erfordern die ganze Konzentration. Genau muss man abwägen , wo man den Fuß hinsetzt und ich bin einmal mehr dankbar für die geborgten Wanderstöcke. Der Weg verlangt konditionell , aber mir vor allem mental viel ab. Den es kommt wieder die große Angst vor dem Abstieg dazu , die mich schon beim hochklettern nicht loslässt.  


Kurz vor dem Scheitelpunkt erreichen wir das Franzosenkreuz, an dem ähnlich dem eisernen Kreuz auf dem Camino Français Pilger Steine und Erinnerungsstücke ablegen. Am Fuße des Weges hatte auch ich einen Stein mitgenommen , um ihn hier als Erinnerung an diese Erfahrung dazulassen. Wenig später erreiche ich gemeinsam mit Sandra den Aussichtspunkt. Liebevoll wie ich Asiaten bereits oft kennengelernt habe , stellt sie mich den anderen ihrer Gruppe vor Das ist Yvonne aus Deutschland und sie ist ab heute neu dabei. So einfach ist das also. 


Ich berichte von meiner unbändigen Angst , wieder abzusteigen und die Gruppe adoptiert mich sofort. Nach einer erholsamen Rast steigen wir gemeinsam ab. Die Amerikanerin zeigt mir, wie ich die Stöcke am besten halte und meine Schritte setze. Immer wieder drehen sie sich zu mir um. Die Schwierigkeit des Abstieges ist nicht im mindesten mit dem Aufstieg zu vergleichen und so kommen wir schnell voran. Kurz vor Rubiaes gibt es einen kleinen Imbiss aus einem Wohnwagen heraus. Wir stoßen mit Bier an auf unser gemeinsames Erlebnis und ich bedanke mich von Herzen.


 Den letzten Teil des Abstieges tanze ich gemeinsam mit der Holländerin die Steine entlang. 

Wir gehen zusammen bis zu meiner Pension und sind uns sicher , spätestens in Santiago sehen wir uns wieder. 

In der Pension begrüßt mich Helmut aus Marburg auf das herzlichste. Selbst langjähriger Pilger hat er im letzen Jahr dieses Kleinod entdeckt, gekauft und verwöhnt nun seit März Pilger mit genau dem , was diese nach einer anstrengenden Etappe brauchen. Er ist 68 Jahre alt, sieht mindestens 10 Jahre jünger aus und verströmt eine unglaubliche Herzlichkeit. Wir sprechen kurz darüber , dass ich allein unterwegs bin und ich berichte davon , welche wunderbaren Bekanntschaften ich in den letzten Tagen gemacht half und er sagt einen beeindruckenden Satz , der treffender nicht geht „Allein heißt ja nicht einsam “   

Nach einer ausgiebigen Dusche treffe ich am Pool Vater und Tochter aus Weimar. Sie hat gerade ihr Abitur gemacht und beide nutzen nun die Zeit danach , diesen Weg gemeinsam zu gehen und scheinen beide sehr glücklich dabei. 

Für halb sieben ist der Shuttle bestellt und bringt uns ins Dorfrestaurant zum Pilger Abendessen. Ich ringe mit mir, ob ich nicht einfach da bleibe, da auch heute wieder nur Minigemeinschaften hier sind , springe aber über meinen Schatten und frage Tochter und Vater , ob ich mich Ihnen anschließen darf. Sie haben nichts dagegen und so bekomme ich ein leckeres Abendessen und ein sehr entspanntes Gespräch mit beiden mal wieder über jedes und alles und es fühlt sich einfach nur gut an. So sind wir auch die letzten, die zu unserer Unterkunft zurückkommen Ein letzter Wein auf der Terrasse mit Helmut, dem Düsseldorfer Paar aus meinem Hotel von gestern und Vater und Tochter und schon ist auch der Tag zu Ende. 

Morgen geht es ins spanische Tui. Dann wird aus Bom caminho – Bon camino und die Hälfte des Weges nach Santiago ist erreicht. Ich freu mich drauf …