Yvonnes Reisen

What a wonderful world!

Verändern wir die Welt oder verändert die Welt uns?

Ein emsiges Treiben vor meinem Schäferwagen weckt mich zeitig. Das ist auch gut so, denn mit über 40 Kilometern werde ich heute die Königsetappe des Weges bewältigen. Doch zunächst serviert uns unser Pensionswirt sehr liebevoll unser Frühstück im Freien. Ich bekomme noch gratis die Geschichte dazu, warum „Treuenbritzen die Stadt ohne Männer“ war und meine Schäferwagen-Nachbarn, die das Sabinchen noch nicht kennen, erhalten die Moritat via YouTube zum Frühstück serviert.

Der Pilgerstempel von Herrn Höhne ist noch nagelneu und tatsächlich erhalte ich den allerersten Abdruck in meinen Pilgerausweis. Wir verabschieden uns herzlich und schon geht es wieder weiter.

Durch Treuenbrietzen hindurch suche ich vergeblich einen See, an dessen Rand ein Stück des Weges verlaufen soll und bleibe ratlos stehen. Glücklicherweise hält ein Autofahrer an und verweist auf die hohe Böschung, hinter der der See verborgen liegt.

Die Wege führen an ausgedehnten Sonnenblumen- und Kornfeldern entlang.

Ich erreiche die Grenze vom Hohen in den Niederen Fläming. Die Landschaft verändert sich, weite Heidefelder liegen vor mir und der Boden ist so sandig, dass das Laufen schwer fällt.

Ich hänge meinen Gedanken nach und verweile bei einem Auszug aus Julia Camerons „Weg des Künstlers“

„Wir klagen gerne darüber, wie schwer es ist, Herzensträume zu verwirklichen. In Wahrheit ist es aber viel schwerer, nicht durch die Türen zu gehen, die sich reihenweise öffnen, sobald wir uns der Verwirklichung unseres Traums verschreiben. Weisen Sie Ihren Traum zurück, und er wird Sie verfolgen. Lassen Sie ihn zu, und es werden sich auf mysteriöse Weise Türen öffnen. Das Universum ist verschwenderisch in seiner Unterstützung. Wir aber tun uns schwer, etwas anzunehmen. Geschenkten Gäulen schauen wir ins Maul und schicken sie zurück an den Absender. Wir behaupten, Angst vor dem Versagen zu haben, viel mehr jedoch erschreckt uns ein möglicher Erfolg.“

Einer meiner Herzensträume ist meine Weltreise, die ich gedanklich schon so lange plane und doch noch immer damit zaudere. Eine liebe Freundin nennt mich „Wege-Wagerin“ und das trifft es auch irgendwie und trotzdem spüre ich noch ein letztes Zögern, mein World-around-ticket zu buchen. Dabei hat mir das Universum schon so viele positive Signale dazu geschickt. Bin ich wirklich dabei, das Geschenk, dass das Universum mir machen möchte, zurückzuweisen?

Ich erreiche Dietersdorf, amüsiere mich köstlich über die Milchtankstelle im Dorf und gönne mir eine Rast am Lutherbrunnen. Bei einem Kirchenbesuch 1530 soll Martin Luther selbst aus der Quelle getrunken haben und so stimme ich mich langsam auf die Begegnung mit seinem Erbe in Wittenberg ein.

Es geht von Ort zu Ort, der Weg zieht sich. In Marzahna gönne ich mir ein Eis in dem kleinen Garten eines Cafés. zwei Dörfer weiter erreiche ich die Grenze zu Sachsen Anhalt. Das Wasserschloss Kropstädt, auf das ich mich den ganzen Tag schon freue, ist verlassen. Ein Spaziergänger berichtet, dass das Hotel seit Jahresbeginn verkauft und seither geschlossen ist – also keine Apfelschorle auf der Schlossterrasse.

Es ist heiß, die Füße brennen und ich möchte mir gern noch Energie für meinen Abend in Wittenberg aufheben. So beschließe ich ganz pragmatisch, die letzten Kilometer bis Wittenberg mit dem Bus zu fahren.

Am Bahnhof in Wittenberg angekommen werde ich schon von weitem mit Teilen der weitläufigen Freiuft-Weltaustellung zur Reformation begrüßt.

Sieben Torräume umfaßt die Ausstellung und hier am Torraum Welcome steht die größte Bibel der Welt – ein 27 Meter hoher Aussichtsturm, der einen außergewöhnlichen Blick über die Stadt bietet.  Auf der Rückseite des Turms ist der vollständige Bibeltext auf rund 1400 Einzelseiten zu sehen.

Den Weg vom Hauptbahnhof in die Innenstadt säumt ein Weg aus 67 Bannern. Ein Reformationstruck ist bis zum Start der Weltausstellung sieben Monate lang durch 19 europäische Länder gefahren und hat Stimmen zur Reformation eingefangen.  An einem Spruch von Philipp Melanchthon bleibe ich hängen: „Dialog – Disput – Erneuerung. Wir sind zum wechselseitigen Gespräch geboren“  Und genau dazu hätte ich jetzt ganz viel Lust – Austausch über das, was ich gerade erlebe und gleichzeitig auch Austausch über das Motto der Ausstellung „Verändern wir die Welt – oder verändert die Welt uns“ und all dem, was mir dazu durch den Kopf geht.

Doch noch bin ich allein unterwegs und so speichere ich meine Gedanken und begebe mich zielgerichtet zur Herberge im Glöcknerstift. Hier sind Pilger gern gesehene Gäste und ich erhalte neben meinem Zimmerschlüssel noch viele wertvolle Tipps für Wittenberg und die Ausstellung.

Schnell unter die Dusche und dann wieder mitten hinein in die Ausstellung. Zunächst zieht es mich zum Torraum Spiritualität. Auf dem Bunkerberg, ein grün überwucherter Hügel befindet sich eine Installation aus Stegen, die nahezu freischwebend, nur auf Stützen befestigt, durch die Luft führen. In spiegelnden Brüstungen finde ich mich mehrfach wieder. „Die Suche nach mir selbst“ nannten die Gestalter ihren Entwurf – den Bogen zur Spiritualität schlage ich heute Abend hier für mich nicht. Doch der Wunsch nach Rückkehr an diesen Ort ist bereits geboren.

Ich laufe durch die so lebendige Stadt, bleibe überall ein wenig hängen, freue mich schon jetzt auf die Refomationsausstellung, die ich mir  morgen ansehen werde und verweile an den hochglänzenden Stelen amTorraum Kultur.

Soviel Eindrücke machen hungrig und ich folge dem Tipp von Michael aus dem Glöcknerstift, der mir das russische Restaurant „Smack“ ans Herz gelegt hat. Hier auf der Dachterrasse mit Blick auf den Schwanenteich läßt es sich herrlich sitzen und kulinarisch mit Pelmeni verwöhnen.

Auch hier finde ich einen der Torräume: Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Die Boote der Flüchtlinge auf dem Schwanenteich regen zum Nachdenken an. Die Themenwoche steht unter dem Motto „Eine Welt“ – „Sind wir nur geografisch eine Welt? Das Zusammenspiel von weltweiter Vernetzung erkunden und Entwicklungen entdecken, durch die das Leben blüht. Hinterfragen, was Glaubens- und Wirtschaftsströme miteinander zu tun haben, oder religiöse Identitäten mit Konflikten und Ressourcen mit Spiritualität.“ Zu groß scheint mir das Thema, um die Fragen heute noch für mich beantworten zu können. Fest steht, nach Wittenberg kehre ich auf jeden Fall in den nächsten Wochen noch einmal zurück.

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Sabinchen war ein Frauenzimmer …

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„Der ist recht frei, der mitten im Leben steht“ (Martin Luther)

  1. Ach ja, liebe Yvonne, es ist schon faszinierend, wie viel Spannendes und Anregendes wir tatsächlich direkt vor unserer „Haustür“ finden …
    Trotzdem wünsche ich dir sehr, dass sich dir noch ganz viele Türen öffnen, damit du die Gelegenheit beim Schopfe packen kannst, deinen großen Traum von der Weltreise leben zu können!

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