Yvonnes Reisen

What a wonderful world!

Nach Süden, nach Süden …

650 Kilometer liegen heute vor mir.  Die ganze Küste von Norden nach Süden, an Boston vorbei nach Cap Code. Hier erwarten mich lange Sandstrände und kleine Fischerdörfer. Ein schöner Abschluss am Meer, das ich so sehr liebe.

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Das Navigationssystem lotst mich über die amerikanischen Autobahnen, die hier Interstates heißen. Das Fahren ist sehr entspannt, denn die erlaubte Höchstgeschwindigkeit liegt bei 70 Meilen pro Stunden, was ungefährt 110 Stundenkilometern entspricht  – und auch das nur auf ausgewählten Teilstrecken. So kommt man nicht wirklich schnell, aber sehr kontinuierlich voran. Von Zeit zu Zeit kribbelt es in meinem Fuß, das Gaspedal einmal richtig durchzudrücken, denn ich bin sicher der Ford Mustang kann deutlich mehr. Lächelnd erinnere ich mich an mein Gespräch am Frühstückstisch heute morgen mit Mutter und Tochter aus Boston. Die Tochter, die einige Wochen im Rahmen eines Studentenaustausch in Berlin verbracht hat,  erinnert sich an die crazy Germans, die die schnellsten Straßen der Welt haben. Ich bin nicht sicher, aber ich glaube wirklich , No Limit auf der Autobahn gibt es tatsächlich nur bei uns.
Ich halte meinen Fuß in Zaum, denn immerhin habe ich schon einige Male Polizeikontrollen gesehen. Und das mutet wirklich so an, wie man es aus amerikanischer Filmen kennt – das Polizeiauto mit blinkenden Lichtern, das dich schnell aus dem Verkehr zieht … Ich fürchte, kein wirklicher Spaß.
Und ganz ehrlich, man kann sich auch beim Autofahren erholen. Eine Weile begleitet mich ein Hörbuch, dann meine Songlist und später übe ich mein Englisch mit einigen Lektionen des Spotlight-Magazins. Die Zeit vergeht im Flug und ich fahre ohne Pause.
Als ich endlich an der Grenze zu Cap Code die Interstate verlasse, öffne ich mein Cabriodach – man weiß ja, was man so einem Auto schuldig ist – fröstle leicht – es sind 13 Grad – doch die Sonne scheint und die ersten Dünen rechts und links geben einen kleinen Vorgeschmack auf die raue kilometerlange Küstenlandschaft, die mich erwartet . Den Indian Summer habe ich lange schon hinter mir gelassen, Nadelbäume beherrschen das Bild an der Straße, die Laubbäume dazwischen stehen noch grün und frisch. Verrückt, was ein paar Kilometer Distanz ausmachen. Tief atme ich die Meeresbrise ein, die hier schon in der Luft liegen und freue mich auf meine Ankunft im Carpe Diem Guesthouse.

Der Ort, in dem es sich befindet, heißt Provincetown und befindet sich ganz am Ende von Cape Code. P-Town wie man sich hier liebevoll selbst nennt (Province trifft es auch auf gar keinen Fall ) ist bekannt für seine Toleranz. Im Reiseführer steht, alle sind hier herzlich eingeladen, die es nicht interessiert, wer wen küsst.
P- Town ist auch ein Künstlerort – eine Galerie reiht sich an die andere. Schon 1899 wurde die Cap Code School of Art gegründet, was mich – natürlich viel jünger – ein bisschen an die neue Leipziger Schule erinnert.

Ich komme an und verliebe mich sofort.

Herzlich werde ich empfangen und bekomme ein Zimmer mit eigener kleinen Terrasse. Alles ist mit viel Geschmack eingerichtet. Es riecht so gut und leise Musik durchströmt den Raum – ich glaub, ich will hier nie mehr weg.

Der sympathische Eigentümer und sein Lebenspartner laden jeden Nachmittag ab 17 Uhr zu Wein und Snacks ein. Teestunde kenne ich schon aus den Inns auf meinem Weg, aber hier ist es ganz besonders. Lauter kleine Köstlichkeiten und gute Weine stehen für die Gäste bereit. Unkompliziert kommt man am Feuer auf der Gemeinschaftsterrasse ins Gespräch. Ich erfahre, das in diesen Tagen die Womansweek in Provincetown stattfindet. Traditionell treffen sich hier jährlich lesbische Paare aus der ganzen Welt. Einige davon sind auch hier im Inn und empfehlen mir ein Konzert morgen Abend. Es singt Suede, deren Stimme beschrieben wird als ein Mix aus Adele, Diana Krall und Bette Midler. Klingt spannend – heute Abend aber geh ich nirgendwo mehr hin. Die Fahrt steckt mir etwas in den Knochen . Ich mach es mir entspannt mit meinem Buch vorm Feuer gemütlich, bis ich irgendwann in mein bequemes Bett umziehe.

Ausgeschlafen am nächsten Morgen beschließe ich einen day off vom Urlaub zu nehmen. Keine Pläne, keine Ziele, nur Strolchen – herrlich. Ich schlendre durch den ruhigen Ort, denn es ist noch zeitig, schaue in die Fenster der Galerien und Geschäfte, verweile am Strand, der sich direkt auf der Rückseite der Geschäftsstraße befindet.

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Die Stimmung auf den Straßen fühlt sich sehr entspannt an. Alle schlendern und genießen dem Tag.

 

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Irgendwann erschrecke ich in einem der Schaufenster vor meinem eigenen Spiegelbild. Ein Friseur muss her – und zwar sofort. Bei Snipit gibt es ein Schild “ Walk in welcome“. Die Bewertung auf Yelp ist gut, also spaziere ich hinein. Der sympathische Laurence druckst ein bisschen. Ich glaube, meine orangefarbenen struppigen Haare inspirieren ihn nicht wirklich. Dann zeige ich ihm ein Foto von mir, wohin die Reise gehen soll. Er ist Feuer und Flamme und total angestachelt, diese roten Haare zu zaubern. Wenn ich darüber nachdenke, sind mir auch nicht wirklich Rothaarige bisher begegnet. Er berät sich mit seiner Chefin über den richtigen Farbton. Dann machen wir eine Deal – Farbe jetzt, Schnitt nach dem Lunch, damit er alle Termine unter einen Hut bekommt. Mir ist es recht, wozu hat man einen day off. So spaziere ich mit Haaren im genau richtigen Farbton zum Lunch ins Post Office und komme einige Zeit später zum Haarschnitt wieder. Die Atmosphäre in dem kleinen Friseursalon gefällt mir sehr. Es wird viel gelacht, geschwatzt, nichts zu ernst genommen – ohne Kaffee oder Sekt , aber Wohlfühlen pur. Lachend und Laurence umarmend laufe ich zurück zur Weinstunde in mein Guesthouse.

Lass mich von allen bewundern und zieh dann wieder los, denn ich habe tatsächlich ein Ticket für Suede gekauft .

In langer Schlange stehen wir am Eingang des Anchor Paramount Theater.
Stündlich finden hier Shows statt. Die Künstlerin vor Suede hat wohl etwas überzogen. Das Schild am Eingang weist darauf hin , dass es sich hier in erster Linie um ein Gay-Theatre handelt, aber alle Besucher gern gesehen sind. So schätze ich mal, dass ich die einzige Single-Hetero-Frau inmitten all der weiblichen Paare bin. Die Stimmung ist gut und Suede beeindruckend. Ihre Stimme nimmt mich sofort gefangen. Suedes Anmoderationen in einem entspannten englisch lassen auch mich die Scherze, die sie mit dem Publikum macht, verstehen. Leider ist die Stunde viel zu schnell vorüber. Nach einem gemeinsam gesungenen „Hallelulja“ entlässt die Künstlerin uns in die Nacht.
Zurück im Hotelzimmer genieße ich bei einem Glas Rotwein noch einmal die Stimme von Suede auf der natürlich gekauften CD. Schön ist er, so ein Day of …

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  1. Katja Wambach

    Liebe Yvonne, ich habe all deine Blocks gelesen und fand sie einfach toll! Ich habe mich immer gefreut wenn ein neuer kam und ich deine Route lesen und schauen konnte. Ganz liebe Grüße und komm wieder gut nach Hause. Katja 🤗

  2. Eine schöne spannende Reise. Es tat mir gut, auf Deinem Beifahrersitz Dich zu begleiten. Jetzt komme ich gerade von Kiel zurück. Mit dem Bus 100 km/h könnte auch entspannend sein, wenn nicht die vielen Baustellen, Unfälle und Staus wären. So haben mich die 530 km 9 Stunden Fahrtzeit (mit Pausen) gekostet.
    Auf ein baldiges Wiedersehen.

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