Yvonnes Reisen

What a wonderful world!

„Der ist recht frei, der mitten im Leben steht“ (Martin Luther)

Am nächsten Morgen holt meine Schwester mich am Glöcknerstift ab. Die beiden letzten Etappen werden wir gemeinsam laufen. Noch ist es still in der Stadt und nach einem kleinen Frühstück zieht es uns zunächst in die Sonderausstellung „Luther! 95 Schätze – 95 Menschen“, die im Augusteum gezeigt wird.

Im ersten Teil des Ausstellung begleitet uns der Audioguide auf den Lebensweg von Martin Luther. Er berichtet anhand von 95 Schätzen aus Luthers Umfeld über seinen Weg in die Welt und zur Reformation. Wir kommen dem Menschen Martin Luther sehr nah und erleben seine Entwicklung vom Mönch zum Reformator.

Der zweite Teil der Nationalen Sonderausstellung stellt 95 Menschen mit ihrer jeweiligen persönlichen Beziehung zu Martin Luther und seinem Werk vor. „Er wurde bekämpft und bewundert. Er hat inspiriert und provoziert, er hat berührt und abgestoßen – nur kalt gelassen hat er niemanden.“ – so heißt es in der Ausstellung und trifft es sehr genau. Persönlichkeiten vom 16. bis 21. Jahrhundert kommen zu Wort und von Zeit zu Zeit läuft mir eine Gänsehaut über den Rücken, wie aktuell der Bezug zu dem Reformator noch heute ist.

Schnell sind zwei Stunden vergangen und es wird Zeit, uns auf den Weg zu machen. In der Stadtkirche zünden wir noch Kerzen für unsere Lieben an und dann geht es auch schon los.

Auf den nahegelegenen Elbwiesen treffen wir ein Paar, das auf dem Jakobsweg von Mittelfranken nach Berlin wandert, sozusagen in die entgegengesetzte Richtung. An ihrem Rucksack baumeln ein paar Mini-Schuhe, denn die beiden wollen ihre Enkelin in Berlin besuchen und machen heute ebenso wie ich gestern Station im Glöcknerstift. Auf meine Bemerkung, dass sie die ersten Pilger sind, die mir bisher auf meinen Weg begegnen, antworten sie, dass auch ich erst die Zweite auf der langen Distanz bin, die sie pilgernd treffen. Nur ein Paar aus Hamburg ist ihnen bisher in Nürnberg entgegengekommen – das nun wieder sind Freunde von mir, die kürzlich von Leipzig nach Nürnberg gewandert sind – verrückte Welt.

Wir steigen die Stufen zur vielbefahrenen Elbbrücke empor und überqueren den Fluß.

Froh, nach einer ganzen Weile die lautstarke Bundesstrasse wieder verlassen zu dürfen, biegen wir ab in den kleinen Ort Kienberge und bleiben staunend auf der Dorfstraße stehen, denn vor uns eröffnet sich der Blick auf eine Outdoor-Modelleisenbahn.

Liebevoll dekoriert ist diese im Großformat direkt an einer Hauswand montiert. Es gibt einen Bahnhof, Häuser, Autos, Menschen, Flugzeuge – auf jedes kleine Details wurde geachtet. Und plötzlich – wir sind schon fast daran vorbei – setzt sich die ganze Szenerie in Bewegung:  Züge fahren,  Flugzeuge kreisen über den Schienen. Der Mann, der dem Modell  Leben eingehaucht hat, erscheint am Fenster und grüßt uns freundlich. Vor zwei Jahre schon – so berichtet er – hat er das Modell aufgebaut, das jeder Jahreszeit trotzt und an dem sich glücklicherweise auch noch kein Dieb vergriffen hat. Fröhlich winkt er uns nach und wünscht uns einen guten Weg.

Das nächste Highlight unserer Wanderung ist der Bergwitzsee, den wir einige Zeit später erreichen. Einstmals wurde hier Braunkohle abgebaut, bis der Tagebau bereits 1955 nach seiner Stilllegung geflutet wurde. Idyllisch liegt er vor uns. Nur die bewirtschaftete Seeterrasse, die wir uns in unseren Träumen ausgemalt haben, um uns bei einer kühlen Apfelschorle zu erholen, die finden wir hier leider nicht.

Die letzten Kilometer strecken sich trotz der schönen Landschaft sehr. Kurz vor der Zielgerade können wir ein Verlaufen gerade noch verhindern und kommen am Abend im Heidehotel Lubast an. Nach einer erfrischenden Dusche stärken wir uns im Biergarten des Hauses und fallen bald darauf in den wohlverdienten Schlaf.

Am nächsten Morgen brechen wir zur zunächst letzten Etappe unserer Tour auf, die uns geradewegs durch die Dübener Heide führt.

Auch hier treffen wir noch einmal auf den Reformator – schließlich ist dies nicht nur der Jakobs- sondern auch der Lutherweg – und verweilen kurz an dem witzigen Sitzmöbel mit einem Zitat von Luther: „Das ist das Allergrößte, wenn ich des Nächsten Schwachheit ertragen kann“.

Wunderschön ist es in dem Wald, wir genießen den Schatten der Bäume, freuen uns über die Sonnenstrahlen, die hier und da durchblitzen und an den bunten Schmetterlingen, die uns auf unserem Weg begleiten. Am Wegesrand wachsen Dutzende von Pilzen, die wir allesamt stehen lassen, denn unser Pilzkenner, dem wir regelmäßig Fotos von unser Beute senden, warnt uns dringend mit einem „Tödlich“ davor.

Von Zeit zu Zeit wünschen wir uns einen Rastplatz, um den Rucksack einmal absetzen zu können und die Beine zu entlasten. Doch die sind hier eher rar gesät. Das bringt uns zu Tagträumereien, zu Bänken, die wir stiften wollen oder noch besser zu aufblasbaren Stühlen, die Wanderer in ihren Rucksäcke mit sich tragen könnten – vielleicht tatsächlich noch eine Marktlücke 🙂

Am Nachmittag kommen wir in Bad Düben an – gönnen uns auf dem Markt ein großes Eis und freuen uns wenig später über unseren Shuttleservice zurück nach Hause. Leider reicht die Zeit nicht, die letzten 40 Kilometer nach Leipzig zu laufen – doch aufgeschoben, ist nicht aufgehoben …

Alles Liebe – und bis hoffentlich bald …

 

 

 

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  1. Der von dir zitierte Luther-Satz „Das ist das Allergrößte, wenn ich des Nächsten Schwachheit ertragen kann“, hat mich sehr bewegt. Das umzusetzen ist wirklich eine große Herausforderung.
    Der Satz hat mich aber auch an ein Thema erinnert, dass ich sehr spannend finde. Dazu würde ich den Satz mal wie folgt abwandeln: „Das ist das Allergrößte, wenn ich die eigene Schwachheit ertragen kann … ;-))

    • Yvonne

      Was bedeutet Schwachheit für dich? Ist es Verletzlichkeit? Es gibt ein – wie ich finde -sehr bemerkenswertes Zitat von der amerikanischen Psychologin Brené Brown: „Verletzlichkeit ist keine Schwäche, sondern der Schlüssel zu allem, von dem wir mehr wollen: Liebe, Freude, Vertrauen …“

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