Yvonnes Reisen

What a wonderful world!

Auf der Vulkanroute

28 Tage dauert es, bis sich neue Gewohnheiten manifestiert haben. Heute ist ein guter Moment, eingeschlafene Rituale wieder zu erwecken und so ist der 1. Weihnachtsfeiertag auch Tag 1 von 28, an dem ich meiner Meditation und einer Yoga-Einheit nachgehe. Mein Frühstück auf der Sonnenterrasse fühlt sich mehr als verdient an und ich plane entspannt meinen Tag.

In unmittelbarer Nähe läuft die Vulkan-Route entlang und so klappere ich kurze Zeit später mit meinen Wanderstöcken los. Erst einmal geht es schon im Ort kräftig bergan – wo genau ist eigentlich meine Kondition geblieben – bis ich am Waldrand auf den Wanderweg treffe und mich zu entscheiden habe, links zum San Antonio, 657 m hoch, oder weiter geradeaus zum Vulkan Teneguia, dessen letzter Ausbruch 1971 noch nicht so sehr lange zurückliegt.

Spontan entscheide ich mich für den steilen und steinig gerölligen Aufstieg zum San Antonio. Schon beim Hochklettern grüble ich über den Abstieg nach, der noch immer meine Achillesferse ist. Oben angekommen amüsiere ich mich ein wenig über die vereinzelten Fahrzeuge auf dem angrenzenden Parkplatz – es geht auch weniger schweißtreibend, sicher aber bei weitem nicht so schön.

Ich betrete den Kraterrand und bestaune die Kiefern, die sich in dem erloschenen Krater angesiedelt haben. Immer wieder an diesem Tag werden mir die wunderbaren Farbkompositionen auffallen: das Schwarz der Lava im Einklang mit dem Grün der Bäume, dem Blau des Himmels und des Meeres, das fast ständig am Horizont sichtbar ist. Genaugenommen ist die Lava auch niemals tiefschwarz, sie funkelt in allen Facetten. Je nachdem wie das Sonnenlicht auftrifft sehe ich rote, blaue oder braune Töne aufblitzen.

Von der Spitze des Vulkans habe ich freien Blick auf den jüngsten Vulkan hier auf der Insel, dem Teneguia. Von hier aus scheint er so nah, dass ich beschließe, meinen Weg dorthin fortzusetzen.

Zunächst wartet allerdings der Abstieg auf mich. Ich erinnere mich an meinen Zen-Lehrer und seine Aussage: „Nicht das Ich denkt die Gedanken, sondern durch die Gedanken entsteht das Ich“. Eine gute Gelegenheit, dies einmal auszuprobieren. Ich erfinde mich einfach neu – mit Mut statt Angst und schaffe es tatsächlich innerhalb kurzer Zeit wieder auf dem Waldweg anzukommen.

Das Universum belohnt mich mit einem grandiosen Ausblick. Mit weiter Brust und langen Schritten erreiche ich den Teneguia. Im Hinblick auf die Zeit lasse ich ihn heute links liegen und klettere den schmalen Pfad hinab Richtung Meer. Immer neue Formen der schwarzen Lava fesseln mein Auge. Der Weg ist das Ziel. Die Landschaft fasziniert mich so sehr, dass ich ständig einen Fotostopp einlege. Doch keines der Bilder wird dem tatsächlichem Anblick gerecht.

Eine ganze Weile später erreiche ich die Strasse. Von hier fährt ein Bus zurück, verrät mir ein Paar, das mir entgegenkommt. Doch ich habe mich schon anders entschieden. Gemäß meinem Routenplaner wandere ich entspannt die fünf Kilometer auf der Landstraße zurück. Was mich dabei allerdings ein wenig verwundert, ist die Richtung, in der er mich schickt – entgegengesetzt der, in der ich mein Quartier vermute. Schlau wäre auch gewesen, den Hinweis „Route beinhaltet unbefestigte Strassen“ ernst zu nehmen, denn nach der nächsten Biegung schickt mich Google Map zurück auf den Berg … Keuchend erreiche ich die Anhöhe und werde für meine Ausdauer belohnt. Ich befinde mich im Weinanbaugebiet von Las Machuqueras. Eigentlich würde niemand, der bei gesundem Menschenverstand ist, daran denken, hier etwas anzubauen, doch die große Anzahl von Parzellen, die mein Auge erblickt, lehrt mich etwas anderes. Jede Rebstockreihe hat hier ihre eigene kleine Schutzmauer, um sich vor dem ständig wehenden Passatwinden zu schützen. Tief beeindruckt quere ich die Landschaft und freue mich darauf, den hiesigen Wein bald zu kosten.

Während des letzten Kilometers plane ich bereits meine morgige Tour. Blöd nur, dass mein Quartier deutlich unter dem Niveau des Wanderwegs liegt. Und so steige ich vorsichtig die 90 Grad steilen Pflasterstraßen wieder hinab, nicht ohne die Katze zu beneiden, die mir auf ihren vier Beinen graziös zeigt, wie der Abstieg auch ausssehen kann …

Am nächsten Morgen ist auch der Muskelkater hellwach, er zwickt und zwackt mich – doch jede neue Gewohnheit braucht 28 Tage zum manifestieren. Meditation ist ja noch leicht, die Yoga-Einheit danach – hüllen wir einfach den Mantel des Schweigens darüber.

Heute führt mich mein Weg erst auf den Teneguia und danach hinunter zum Leuchtturm und zu den Salinen. So der Plan.

Zunächst erreiche ich den Roque de Teneguia, einen beeindruckenden Felsen, an dem einmal eine heilige Quelle entsprungen sein soll,

Intuitiv zieht es mich zu ihm hin, wohl wissend, dass ich den ganzen Weg hinunter auch wieder hoch laufen muss. Doch es ist fast Magie, ich kann mich nicht wehren. Unten angelangt, treffe ich eine Schweizerin, die mir verrät, dass auch von hier ein Weg zum Teneguia führt. Sie verschwindet hinter dem Felsen und läßt mich allein. Vorsichtig klettere ich ihr nach – tatsächlich gibt es hier eine alte Wasserleitung, auf der man laufen kann. Doch da ist sie wieder meine Angst, die mich einen Augenblick daran hindert, weiterzugehen. Und dann erkenne ich sie einfach an – als Seite an mir, die mich schützen will und daher auch wichtig ist. Gleichzeitig erkenne ich, dass sie mich schon lange nicht mehr  lähmt. Dass ich auch mit der Angst alles erreiche, was ich mir vornehme Durch sie hindurch gehe, mir nichts versage, was ich erleben möchte und dass sie daher auch bleiben darf. Was für eine Hammer-Erkenntnis.



Auch wenn ich nicht sehr elegant auf der Wasserleitung lande, ich komme an- und nur das zählt. Kurze Zeit später erreiche ich den Teneguia, spüre die Wärme, die er immer noch ausstrahlt und genieße den Moment.


Später steige ich ab bis zum Meer, erreiche den Leuchtturm und die Saline, in der heute noch immer das Salz per Handarbeit abgeschöpft wird.

 

Einen Café con leche und einen kleinen Imbiss später ist die Entscheidung über den Rückweg zu treffen: die gestrige Strecke oder wieder zurück zum Teneguia, um den Weg aus einer ganz anderen Perspektive zu sehen. Ich entscheide mich spontan für letzteres und kraxle wieder nach oben. Es ist schon Nachmittag, als ich  auf Höhe des Vulkans ankomme. Außer mir ist niemand hier und plötzlich höre ich es ganz deutlich: die absolute Stille – nur durchbrochen durch meine lauten Gedanken. Ich konzentriere mich auf meinen Atem, versuche, die Gedanken loszulassen – Gehmeditation – und lache plötzlich laut auf. Ein Jogger überholt mich strahlend, in seinen Händen rechts und links kleine Gewichte, als ob ihm die Anstrengung noch nicht genügt. Ich hatte bereits darüber gelesen, dass hier jährlich ein Berg-Marathon stattfindet und Training dafür gehört sicher dazu – und: hat mich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt…


In meinem ganz eigenen Tempo erreiche ich mein Appartement und bin ganz erfüllt von den Eindrücken des Tages.

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  1. Marion

    Ich reise mit Dir in Gedanken – schöne Bilder, vor allem das mit dem Weg gefällt mir gut! Liebe Grüße und einen schönen Jahreswechsel!
    Marion

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